Anfang Oktober gab Beyond Gravity bekannt, Ziel eines gezielten Cyberangriffs geworden zu sein. Am 15. Oktober 2026 liefert eine Recherche des Deutschschweizer Fernsehens SRF, aufgegriffen von swissinfo.ch, ein weiteres Element: Im Unternehmen wie beim Bund verdächtigt man China als Urheber. Offiziell bestätigt das niemand. Um zu verstehen, was man wirklich weiss, muss man Fakten, Aussagen und Hypothesen auseinanderhalten.

Was feststeht

Beyond Gravity stellt Technologien für Satelliten und Trägerraketen her und gehört dem Bund. Das Unternehmen beliefert unter anderem das europäische Raketenprogramm Ariane und die NASA. Es hat den Angriff selbst öffentlich gemacht und schreibt ihn einem mutmasslich «hochprofessionellen» Akteur zu. Eine Formulierung, die auf eine staatlich unterstützte Operation schliessen lässt, ohne dies ausdrücklich zu sagen.

Nach eigenen Angaben hat Beyond Gravity bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht. Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) untersucht den Vorfall zusammen mit dem Bundesamt für Cybersicherheit. Die Bundesanwaltschaft, die für politische Delikte wie Spionage zuständig ist, ist hingegen noch nicht aktiv geworden.

Das Parlament wurde informiert. Die grüne Ständerätin Maya Graf, Präsidentin der Geschäftsprüfungskommission des Ständerats, gibt an, dass die Geschäftsprüfungskommissionen beider Räte über den Datenabfluss in Kenntnis gesetzt wurden und ihnen ein Bericht über den Vorfall vorgelegt wurde. Die zuständige Subkommission soll prüfen, ob weitere Massnahmen nötig sind.

Was Verdacht bleibt

Die chinesische Spur stützt sich auf Informationen von SRF, das sich auf mehrere involvierte Personen beruft. Ihnen zufolge betrachten Beyond Gravity und der Bund China als Angreifer. Doch weder das Unternehmen noch das VBS wollen diesen Verdacht offiziell bestätigen. Beyond Gravity schreibt, die Herkunft des Angriffs werde weiterhin untersucht.

Auch das Ausmass des Schadens bleibt unklar. Man weiss nicht, welche Informationen erbeutet wurden. Laut swissinfo.ch scheint jedoch klar, dass Daten gestohlen wurden, worauf auch die Aussagen von Maya Graf hindeuten, die von einem Datenabfluss spricht.

Warum der Weltraum Nachrichtendienste interessiert

Ralph Weber, Professor am Europainstitut der Universität Basel, der unter anderem zu den chinesischen Nachrichtendiensten forscht, zeigt sich nicht besonders überrascht. Der Weltraum sei seit Langem ein Ziel von Nachrichtendiensten, und die Rivalität zwischen den USA und China sei dort gross, erinnert er.

Der Forscher relativiert auch das gängige Bild von Spionage. Man stelle sich oft den Diebstahl grosser Technologien vor; in der Praxis gehe es, so erklärt er, häufig darum, Details zu beschaffen. Für sich genommen seien sie wenig wert. Von einem Nachrichtendienst zusammengesetzt, könnten sie sehr nützlich werden. Swissinfo.ch erinnert zudem daran, dass im vergangenen Mai ein deutsches Ehepaar chinesischer Herkunft in Deutschland verhaftet und der Spionage beschuldigt wurde, unter anderem im Raumfahrtsektor.

Beyond Gravity: ein Präzedenzfall bei Ruag

Beyond Gravity gehört zur Ruag International AG, einem Konzern des Bundes. Für die Gruppe wiederholt sich die Geschichte. Vor über zehn Jahren war Ruag bereits Opfer eines gezielten und umfangreichen Cyberangriffs geworden, der 2016 bekannt wurde. Experten verdächtigten damals Russland. Die Bundesanwaltschaft hatte ein Strafverfahren eröffnet und es 2018 sistiert, weil die Täter nicht identifiziert werden konnten.

Die Folgen waren gravierend: Der Bundesrat beschloss, den Konzern aufzuspalten. Der Bereich, der hauptsächlich für die Schweizer Armee arbeitet, wurde zur Ruag MRO. Mehrere Einheiten der Ruag International AG wurden anschliessend verkauft, mit Ausnahme von Beyond Gravity.

Eine heikle politische Antwort

Sollten belastbare Beweise gegen China auftauchen, müsste der Bundesrat seine Reaktion abwägen. Laut Ralph Weber zeigt er sich üblicherweise zurückhaltend: Eine öffentliche Anschuldigung könnte aussenpolitischen Interessen schaden. Die Schweiz und China haben eben erst die Verhandlungen über die Erweiterung ihres Freihandelsabkommens abgeschlossen, das noch weder unterzeichnet noch ratifiziert ist. Die Schweiz versuche Spionagefälle in der Regel diskret zu regeln, etwa indem sie die Verdächtigen einfach ausreisen lasse, stellt der Forscher fest, während Deutschland chinesische Spionageoperationen zunehmend öffentlich mache.

Der Angriff fällt zudem in eine heikle Phase für das Unternehmen. Der Bundesrat wollte Beyond Gravity verkaufen, doch das Parlament stellte sich aus Sicherheitsgründen dagegen. Mitte September diskutierte die Regierung Lösungen, ohne zu entscheiden. Laut swissinfo.ch droht der Cyberangriff das Unternehmen in dieser Übergangszeit zu schwächen.

Quellen