«Der Franken braucht ein digitales Gegenstück.» Die Formulierung steht in der Bildlegende des Artikels, der am 28. September 2026 auf ETH News erschienen ist, verfasst von Markus Gross (Corporate Communications der ETH Zürich). Der Text gibt die Analyse von Forschenden der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich wieder: Damit der Franken auf den Finanzmärkten von morgen breit nutzbar bleibt, bräuchte es attraktive digitale Lösungen in Schweizer Franken, etwa Stablecoins und tokenisierte Bankeinlagen.
Worum es geht
Der Artikel geht von einer Feststellung aus: Geld wird zunehmend digital und «tokenisiert». Doch es entstehen neue Formen digitalen Geldes, die über klassische Bankeinlagen hinausgehen. Die ETH nennt drei davon:
- Stablecoins, deren Wert so stabil wie möglich bleiben soll;
- digitales Zentralbankgeld;
- tokenisierte Bankeinlagen, also Einlagen, die in Form digitaler Token abgebildet und auf einer Blockchain gespeichert und übertragen werden.
Laut dem Artikel eröffnen diese Technologien Möglichkeiten, die bisher begrenzt waren: Zahlungen 24 Stunden am Tag, die automatisierte Ausführung von Verträgen sowie grenzüberschreitende Transaktionen ohne lange Ketten von Banken und anderen Intermediären. Für Hans Gersbach, Professor für Makroökonomie und Co-Direktor der KOF an der ETH Zürich, lautet die Kernfrage, in welcher Form Geld künftig organisiert und bereitgestellt wird und welche Rolle Staaten, Banken und Technologieunternehmen dabei spielen können und sollen.
Stablecoins, auch eine geopolitische Frage
Der Artikel beschreibt Stablecoins als digitale Währungen, die von privaten Akteuren ausgegeben werden und deren Wert an eine bestehende Währung gekoppelt ist, etwa an den Dollar oder den Euro. Anders als bei Kryptoanlagen wie Bitcoin soll ihr Wert nicht schwanken. Sie ermöglichen Zahlungen im Krypto-Ökosystem, können internationale Transaktionen erleichtern und machen programmierbare Zahlungen über Smart Contracts möglich, selbstausführende Programme auf einer Blockchain.
Laut der ETH spielen Stablecoins im globalen Finanzsystem noch keine sehr grosse Rolle. Das könnte sich jedoch rasch ändern: Würden grosse Technologie- und Zahlungsplattformen wie Alipay oder Apple Pay, Kreditkartenherausgeber und Tech-Giganten diese digitalen Währungen direkt integrieren, könnten sie ein breites Publikum erreichen und von Milliarden Menschen genutzt werden. Der Artikel stellt dieses Szenario im Konjunktiv dar.
Die USA, so der Text weiter, sehen die Entwicklung der Stablecoins wohlwollend, aus technologischen, aber auch aus geopolitischen Gründen: An den Dollar gekoppelte Stablecoins können das internationale Gewicht der US-Währung stärken und zugleich die Nachfrage nach US-Staatsanleihen erhöhen. «Die USA sehen Stablecoins auch als potenzielles Instrument, um die Stellung des Dollars als internationaler Anker und Reservewährung zu sichern», erklärt Hans Gersbach (Zitat aus dem Englischen übersetzt).
Das Risiko einer Verlagerung zum Dollar oder Euro
Daraus ergibt sich die Frage an die Schweiz: Wie lässt sich sicherstellen, dass der Franken in den Finanzinfrastrukturen von morgen weiterhin eine zentrale Rolle spielt? «Die Schweiz muss sicherstellen, dass in einem Finanzsystem, das auf tokenisiertem Geld beruht, verlässliche Zahlungsinstrumente in Schweizer Franken verfügbar sind», sagt Hans Gersbach. «Sonst drohen wesentliche Teile der Finanzmarktinfrastruktur zum Dollar oder zum Euro abzuwandern.»
Um dies zu erreichen, hält der Artikel einen klaren rechtlichen Rahmen für nötig, der festlegt:
- welche Reserven für Stablecoins zulässig sind;
- welche Rechte die Nutzerinnen und Nutzer haben;
- welche Transparenzanforderungen für die Herausgeber gelten;
- was im Fall einer Insolvenz geschieht.
Und das alles, ohne die Innovationskraft der privaten Akteure abzuwürgen.
Tokenisierte Einlagen als Alternative
Hans Gersbach sieht in der Modernisierung der bestehenden Bankeinlagen eine Alternative zu Stablecoins. Bei tokenisierten Einlagen bleiben die Guthaben, wie auf einem heutigen Bankkonto, Forderungen gegenüber einer Bank, werden aber in Form digitaler Token auf programmierbaren Plattformen gespeichert und abgebildet. Laut dem Artikel lassen sich auf diesem Weg viele Vorteile der neuen Technologien nutzen, ohne auf die bewährte Struktur des heutigen Geldsystems zu verzichten.
Grundsätzlich zeigt sich der Ökonom überzeugt, dass die Menschen in der Schweiz weiterhin in Franken bezahlen werden. «Die einzige offene Frage ist, in welcher technischen Form wir ihn nutzen werden.»
Was der Artikel nicht sagt
Der Artikel wirft die Frage nach der Stabilität des Geldes in einer digitalen Welt auf, geht aber nicht im Detail auf die Auswirkungen auf die Geldpolitik ein. Er erwähnt die Schweizerische Nationalbank nicht, nennt kein konkretes Projekt für einen Franken-Stablecoin, legt keinen Zeitplan fest und beziffert weder den Markt für Stablecoins noch den Anteil des Frankens. Die Quelle entscheidet nicht zwischen Stablecoins und tokenisierten Einlagen, die als zwei Optionen dargestellt werden. Nichts in diesem Text stellt eine Anlageempfehlung dar.
Eine Konferenz und ein Interview als Ausblick
Der Artikel von ETH News stützt sich nach eigenen Angaben auf ein Interview, das für das KOF Insights Magazine vom 30. September angekündigt war. Für diesen Tag hatte die KOF von 15 bis 19 Uhr ihre Prognosekonferenz 2026 angesetzt, «Money in transition: how geopolitics and technology are shaping the future», im Konferenzzentrum UBS Grünenhof in Zürich. Auf dem Programm standen laut Ankündigung die Schweizer Wirtschaft und die Zukunft des Geldes, mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Finanzwelt und Geldpolitik.
