Adena Friedman, Präsidentin des Nasdaq, ist der Ansicht, dass die Tokenisierung «Dutzende Milliarden Dollar» an Kapital freisetzen könnte, das im globalen Finanzsystem als Sicherheit gebunden ist. Sie sagte dies am Rande der TOKEN2049 in Singapur in einem Interview, das CNBC am 9. Oktober veröffentlichte, wie das Journal du Coin berichtet. Laut derselben Quelle hat sie ihre Berechnung nicht offengelegt: Diese Zahl ist eine Aussage, keine Messung.

Sicherheiten, die ruhen, wenn die Märkte schliessen

Ausgangspunkt ist ein gewöhnlicher Mechanismus der Kapitalmarktfinanzierung. Jeden Tag hinterlegen Banken und Fonds Wertpapiere als Sicherheit für ihre Positionen: das sogenannte Collateral. Gemäss der von der Quelle wiedergegebenen Beschreibung bleiben dabei Schatzanweisungen, Aktien und Anteile an Geldmarktfonds stunden-, manchmal tagelang blockiert.

Der angeführte Grund liegt im Kalender der Märkte. Diese schliessen am Abend und am Wochenende; in diesen Zeiten können die als Sicherheit hinterlegten Vermögenswerte nicht ohne Weiteres verschoben oder neu zugewiesen werden. Genau diese Bindung möchte die Präsidentin des Nasdaq verringern.

Was die Tokenisierung laut Adena Friedman ändern würde

Tokenisieren bedeutet, einen Vermögenswert durch einen digitalen Token abzubilden, der sich auf einer Blockchain jederzeit und innerhalb weniger Minuten übertragen lässt. Angewandt sowohl auf Wertpapiere als auch auf Geldflüsse würde dies das Collateral laufend einsetzbar machen. «Wenn Sie all diese Instrumente und auch die Geldflüsse tokenisieren, wird das Collateral sehr flüssig», erklärt Adena Friedman, zitiert vom Journal du Coin.

Den Auslöser sieht sie in der Verabschiedung des Genius Act, des US-Gesetzes, das Stablecoins seit Juli 2025 regelt. «Wenn man Geld tokenisieren kann, dann kann man auch Kapitalflüsse tokenisieren», fasst sie zusammen. Sie fügt hinzu, dass Privatanleger den Institutionen mit ihrer Nachfrage nach durchgehend geöffneten Märkten «zehn Jahre voraus» gewesen seien. Diese Aussagen sind die Einschätzung der Chefin eines Börsenbetreibers, der ein direktes Interesse daran hat, dass sich dieses Modell durchsetzt.

Ein bereits angelaufener Zeitplan

Neben den Aussagen berichtet die Quelle über mehrere datierte Fakten. Die SEC, die US-Börsenaufsicht, hat am 18. März 2026 einen Antrag des Nasdaq genehmigt, der im September 2025 eingereicht worden war. Er erlaubt die Abwicklung bestimmter Wertpapiere in Form von Token: der Aktien des Russell 1000 und der grossen Index-ETF, die im selben Orderbuch und zum selben Preis wie die klassischen Wertpapiere gehandelt werden.

Auch die Handelszeiten ändern sich. Der Nasdaq strebt den 6. Dezember 2026 an, um eine Nachtsitzung zu eröffnen und seinen Handelstag auf fast 23 Stunden zu verlängern, an fünf von sieben Tagen. Die im April erteilte Zustimmung der Aufsicht bleibt an die Verbreitung der Kurse während der Nacht geknüpft. Der Betreiber hat zudem 100 Millionen Dollar in Kraken investiert, eine Handelsplattform für Kryptowerte.

Auf Seiten der Nachhandelsinfrastruktur hat der Zentralverwahrer DTCC mehr als 50 Institute für seinen im Oktober erwarteten Tokenisierungsdienst gewonnen, darunter BlackRock, JPMorgan und Goldman Sachs. Laut einer im Juli veröffentlichten Studie von Broadridge zählen 84 % der 200 befragten nordamerikanischen Führungskräfte die Tokenisierung zu ihren strategischen Prioritäten. Es handelt sich um eine Absichtsumfrage, die nichts über die tatsächlich tokenisierten Volumen aussagt.

Was noch fehlt

Das erste Hindernis betrifft die Abwicklung. Laut der Quelle ändert das im März genehmigte Pilotprojekt nichts an der Abwicklungsfrist, die bei einem Geschäftstag (T+1) bleibt, da die Umwandlung in Token erst nachträglich erfolgt.

Das zweite liegt in der Organisation der Institute. Adena Friedman hält die Börseninfrastruktur selbst für «den einfachsten Teil» des Übergangs zum 24-Stunden-Handel. Die Banken nutzen heute die Schliessungszeiten, um ihre Systeme zu aktualisieren und ihre Risiken neu zu berechnen; ohne Pause müsste alles «in Echtzeit, die ganze Zeit» laufen. Der Nasdaq setzt auf künstliche Intelligenz: Seine Plattform für das Risikomanagement umfasst digitale Agenten, die sich vorerst auf Empfehlungen beschränken.

Schliesslich räumt die Managerin ein, dass nicht alle Vermögenswerte liquide genug sind, um Tag und Nacht gehandelt zu werden. Was den rechtlichen Rahmen und die Interoperabilität zwischen Plattformen betrifft, berichtet die Quelle über punktuelle Genehmigungen der US-Aufsicht, gibt aber nicht an, wie Token, die auf unterschiedlichen Infrastrukturen ausgegeben wurden, zwischen diesen zirkulieren könnten. Dieser Punkt bleibt offen.

Und der Finanzplatz Schweiz?

Der Quellartikel behandelt nur den US-Markt und erwähnt keinen Schweizer Akteur. Die Debatte wirft jedoch eine Frage für jeden Finanzplatz auf, der grosse Volumen an Wertpapieren als Sicherheiten hält: Welcher Teil dieses Collaterals bleibt während der Schliessungszeiten gebunden, und unter welchen Bedingungen könnte eine tokenisierte Abbildung laufend eingesetzt werden? Die Antwort hängt von Faktoren ab, die die Quelle hier nicht anspricht: der Währung, in der die Abwicklung erfolgen würde, der rechtlichen Anerkennung der Token und der Fähigkeit der bestehenden Infrastrukturen, ohne Unterbruch zu funktionieren.

Der erste angekündigte konkrete Test hat ein Datum: Am 6. Dezember werden US-Aktien beim Nasdaq fast 23 Stunden pro Tag gehandelt, sofern die nächtliche Kursverbreitung bereit ist. Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar.

Quelle: Journal du Coin, «Nasdaq : la tokenisation pourrait libérer des dizaines de milliards de dollars de collatéral», 11. Oktober 2026