Google hat Gemini Agents vorgestellt, eine neue Generation von KI-Agenten, die ausgehend von einem Ziel selbstständig arbeiten sollen statt anhand detaillierter Schritt-für-Schritt-Anweisungen. Die Ankündigung, über die TechRadar Pro berichtet, beschreibt Agenten, die in der Infrastruktur von Google Cloud laufen und daher auch dann aktiv bleiben können, wenn ihr Nutzer nicht mehr vor dem Bildschirm sitzt. Im beruflichen Einsatz sollen sie über eine eigene E-Mail-Adresse, einen eigenen Kalender und Speicherplatz in Drive verfügen können.
Bevor man sich ausmalt, was das verändert, gilt es zu sortieren: Ein Teil der Ankündigung beschreibt ein Produkt in der Vorschauphase, ein anderer gehört klar zur Unternehmensvision.
Was Google beschreibt
Das Prinzip ist das der Delegation. Statt eine KI einen Absatz schreiben oder ein Dokument zusammenfassen zu lassen, würde der Nutzer ihr einen vollständigen Auftrag übertragen – etwa ein Dossier vorbereiten, Ressourcen erstellen oder eine Sitzung organisieren –, und der Agent würde die einzelnen Schritte selbst festlegen. Google spricht von einem zentralen Agenten, der unter anderem Fragen beantworten, Dokumente erstellen, Ressourcen generieren und Sitzungen organisieren kann.
Technisch ist die Ausführung in der Cloud der entscheidende Punkt. Der Agent hängt nicht vom Computer oder Telefon des Nutzers ab: Er läuft auf den Servern von Google und kann dadurch lange Aufgaben im Hintergrund weiterführen. Erst diese Architektur macht die Idee eines «stets aktiven» Agenten möglich.
Google betont auch die Offenheit. Laut der Ankündigung wird Gemini Agents mit den Modellen von Anthropic kompatibel sein, und weitere Modelle sollen künftig unterstützt werden. Der Dienst soll mit Drittplattformen wie Microsoft 365 und Slack funktionieren sowie auf Geräten mit iOS, Android, macOS und Windows. Thomas Kurian, CEO von Google Cloud, fasst den Anspruch als den einer «zukunftssicheren Plattform» zusammen, «die überall funktioniert, jede Aufgabe ausführt, die Wahl der Modelle unterstützt und die im Unternehmen nötigen Kontrollen anwendet».
Google ist auf diesem Feld nicht allein: TechRadar Pro erinnert daran, dass die Ankündigung kurz nach ähnlichen Präsentationen von Meta mit Muse und von OpenAI mit Dots erfolgt.
Verfügbar, angekündigt oder angedacht?
Das ist die wichtigste Unterscheidung für die Leserschaft. Was feststeht: Gemini Agents ist noch nicht allgemein verfügbar. Nur bestimmte Kunden haben Zugang zu einer privaten Vorschauversion. In der zitierten Ankündigung wird kein Datum für die allgemeine Verfügbarkeit genannt, und weitere Einzelheiten zu Anwendungen und Merkmalen werden im Vorfeld dieser Lancierung erwartet.
Was angekündigt, aber noch nicht überprüfbar ist: die Kompatibilität mit anderen Modellen als jenen von Anthropic, die erweiterte Integration in Tools von Drittanbietern, die eigene E-Mail-Adresse und der eigene Kalender jedes Agenten. Es handelt sich um versprochene Funktionen, deren tatsächliches Verhalten sich erst beurteilen lässt, wenn der Dienst breiter zugänglich ist.
Was zur Perspektive gehört: die Vorstellung, dass Agenten zu echten «digitalen Mitarbeitenden» werden, die lange Aufträge weitgehend selbstständig ausführen. Das ist die Vision, die Google in den Vordergrund stellt; nichts in der Ankündigung erlaubt es bisher, die Zuverlässigkeit dieser Agenten bei komplexen Aufgaben zu messen.
Die konkreten Fragen für Nutzer in der Schweiz
Die Ankündigung sagt nichts über die Schweiz. Die erste Frage ist daher einfach: Wann und unter welchen Bedingungen wird der Dienst für Schweizer Unternehmen und Privatpersonen zugänglich sein? Steht die private Vorschauversion Kunden hierzulande offen, und werden die Funktionen dieselben sein wie anderswo?
Dann stellt sich die Frage der Daten. Ein Agent, der über ein eigenes E-Mail-Postfach, einen Kalender und Speicherplatz in Drive verfügt und sich mit Microsoft 365 oder Slack verbinden kann, greift naturgemäss auf eine grosse Menge interner Informationen zu. Wo werden diese Daten verarbeitet und gespeichert? Welche vertraglichen Garantien gelten, wenn der Agent ein Drittmodell wie jene von Anthropic beizieht? Diese Punkte werden in der Ankündigung nicht näher ausgeführt.
Schliesslich die Frage der Kontrolle. Ein Agent, der im Hintergrund handelt, ohne dass sein Nutzer angemeldet ist, und der in eigenem Namen E-Mails versenden kann, wirft sehr praktische Fragen auf: Welche Aktionen erfordern eine menschliche Freigabe? Wie lässt sich nachvollziehen, was der Agent getan hat, und wie lässt sich ein Fehler korrigieren? Wer haftet für eine Nachricht, die ein Agent versendet, oder für eine Sitzung, die er organisiert hat? Thomas Kurian spricht von «im Unternehmen nötigen Kontrollen», ohne dass deren Inhalt zum jetzigen Zeitpunkt präzisiert wird.
Was sich vorerst ändert
Kurzfristig wenig für die meisten Nutzer, da der Dienst in der privaten Vorschauphase bleibt. Die Ankündigung markiert vor allem eine Richtung: Die grossen KI-Akteure, Google ebenso wie Meta und OpenAI, verlagern ihr Angebot vom Assistenten, der antwortet, hin zum Agenten, der handelt. Für Organisationen, die ein solches Werkzeug in Betracht ziehen, ist jetzt wohl eher der Moment, die Fragen vorzubereiten – Steuerung der Zugriffe, Nachvollziehbarkeit, Standort der Daten – als es einzuführen.
Quellen
- TechRadar Pro (Frankreich), «Google dévoile Gemini Agents, des agents IA toujours actifs qui pourront même avoir leur propre adresse e-mail», 12. Oktober 2026: https://global.techradar.com/fr-fr/pro/google-devoile-gemini-agents-des-agents-ia-toujours-actifs-qui-pourront-meme-avoir-leur-propre-adresse-e-mail




