Meta hat am Montag, 12. Oktober, zwei neue Modelle für künstliche Intelligenz vorgestellt, Muse Wonder und Muse Wonder Full, die der Konzern als seine leistungsfähigsten Modelle bezeichnet. Laut dem Bericht von Journal du Coin will der Konzern von Mark Zuckerberg damit direkter mit OpenAI und Anthropic konkurrieren. Die Lancierung erfolgt vierzehn Monate nach dem Beginn einer Neuausrichtung seiner KI-Aktivitäten.

Wie so oft bei solchen Ankündigungen muss man drei Ebenen unterscheiden: was das Unternehmen behauptet, was tatsächlich gezeigt wurde und was durch unabhängige Evaluationen oder im praktischen Einsatz erst noch nachzuweisen ist.

Was angekündigt wird: Modelle für lange Aufgaben

Der erklärte Anspruch geht über die punktuelle Beantwortung einer Frage hinaus. Meta nennt konkrete Beispiele: einen Mietvertrag verstehen, eine Reklamation bei einer Versicherung organisieren oder eine Anwendung bauen. Dafür müssen die Modelle mehrere Dokumente auswerten, Anweisungen befolgen und die für einen Auftrag nötigen Schritte aneinanderreihen können.

Zwei Funktionen tragen dieses Versprechen:

  • Active Memory soll wichtige Informationen von einem Gespräch zum nächsten speichern und sie wieder abrufen, sobald sie nützlich werden. Ziel ist es, zu vermeiden, dass die Nutzerin oder der Nutzer ihre bzw. seine Präferenzen, Vorgaben oder die Details eines Projekts jedes Mal von Neuem in Erinnerung rufen muss.
  • Active Focus bezeichnet die Fähigkeit des Modells, eine Aufgabe trotz Schwierigkeiten weiterzuverfolgen: andere Ansätze ausprobieren, eigene Fehler korrigieren und bei Bedarf um Präzisierungen bitten.

Meta gibt zudem an, seine Modelle darauf trainiert zu haben, vor wichtigen Aktionen Rücksprache mit der Nutzerin oder dem Nutzer zu halten. Die Softwareentwicklung nimmt eine zentrale Rolle ein: Muse Wonder und Wonder Full sollen die Anforderungen eines Projekts befolgen, Code ändern und die Testphasen wiederholen.

Was belegt ist: hauseigene Evaluationen

Bei der Frage der Leistung ist Vorsicht geboten. Meta beansprucht Spitzenergebnisse, doch wie Journal du Coin betont, handelt es sich bei den zur Lancierung veröffentlichten Ergebnissen um Evaluationen, die das Unternehmen selbst präsentiert hat. Sie reichen nicht aus, um eine generelle Überlegenheit gegenüber der Konkurrenz zu belegen.

Der Konzern hat ausserdem auf seinem X-Konto ein Werbe- und Erklärvideo verbreitet. Eine Demonstration dieser Art veranschaulicht die Absicht hinter dem Produkt; sie ist jedoch keine reproduzierbare Messung seiner Fähigkeiten.

Mit anderen Worten: Gesichert ist zum jetzigen Zeitpunkt die Lancierung selbst sowie die Verfügbarkeit von Muse Wonder über bestimmte Kanäle. Die Überlegenheit gegenüber OpenAI und Anthropic hingegen ist eine Behauptung des Unternehmens, die noch bestätigt werden muss. Und die Fähigkeit, einen Versicherungsfall oder ein Softwareprojekt fehlerfrei von Anfang bis Ende abzuwickeln, ist eine Perspektive, keine in den verfügbaren Quellen beobachtete Tatsache.

Was noch zu prüfen bleibt: Sicherheit und Datenschutz

Ein Assistent, der mit Nachrichten, Kalendern und persönlichen Dokumenten arbeitet, greift zwangsläufig auf sensible Informationen zu. Das persistente Gedächtnis, das als Vorteil präsentiert wird, verschärft diese Frage: Je mehr sich das Modell merkt, desto zentraler wird die Frage, was es mit diesen Daten macht.

Meta gibt an, diese Modelle darauf trainiert zu haben, private Daten nicht ohne Erlaubnis weiterzugeben und böswilligen Anweisungen zu widerstehen. Auch das sind Zusagen des Unternehmens. Ein Bericht mit zusätzlichen Sicherheitsevaluationen soll noch veröffentlicht werden. Solange er nicht vorliegt, lässt sich nicht beurteilen, inwieweit diese Schutzmechanismen im realen Einsatz standhalten.

Die tatsächliche Verfügbarkeit: kostenpflichtig und schrittweise

Zum Zugang sind die Informationen präziser:

  • Muse Wonder ist über die Meta Model API und über Muse Code, das Programmierwerkzeug des Konzerns, verfügbar. Der angekündigte Preis beträgt 4 Dollar pro Million Input-Tokens und 20 Dollar pro Million Output-Tokens, wobei Tokens die Texteinheiten sind, die das Modell verarbeitet oder erzeugt.
  • Muse Wonder Full ist den Abonnentinnen und Abonnenten von Muse Code vorbehalten.
  • Muse Wonder soll demnächst auch in den persönlichen Assistenten Muse integriert werden, wobei der Rollout zunächst bei den Abonnentinnen und Abonnenten erfolgt. Meta nennt kein genaues Datum für einen kostenlosen Zugang.

Für Nutzerinnen und Nutzer in der Schweiz und in Europa liefert die konsultierte Quelle keine Informationen: Sie gibt weder an, ob die API und Muse Code von diesen Ländern aus zugänglich sind, noch ob die Integration in den Assistenten Muse dort angeboten wird, noch nach welchem Zeitplan. Mangels Daten lässt sich nicht behaupten, dass diese Modelle für das Schweizer oder europäische Publikum verfügbar sind oder sein werden. Interessierte müssen sich an die von Meta kommunizierten Zugangsbedingungen halten.

Was sich konkret ändert

Vorerst sind in erster Linie die Entwicklerinnen und Entwickler betroffen, die Muse Wonder über die API oder Muse Code testen und seine Programmierfähigkeiten aus eigener Anschauung beurteilen können. Für die breite Öffentlichkeit bleibt der Assistent, der einen Mietvertrag oder eine Reklamation bewältigen kann, ein Versprechen, dessen Rollout zwar angekündigt, für einen kostenlosen Zugang aber nicht datiert ist.

Strategisch eröffnet diese Ausrichtung Meta einen zusätzlichen Weg, seine Investitionen in KI zu monetarisieren. Sie verlagert auch das Terrain des Wettbewerbs: Über die Leistungswerte hinaus wird sich der Wert eines autonomen Assistenten an seiner Zuverlässigkeit bei langen Aufgaben messen und daran, wie er mit den ihm anvertrauten Daten umgeht. Zwei Punkte, die sich nur durch unabhängige Evaluationen und den angekündigten Sicherheitsbericht beurteilen lassen.

Quellen