Die Schweiz weist weltweit die höchste Dichte an hochqualifizierten Fachleuten für künstliche Intelligenz (KI) auf, wie die NZZ berichtet, aufgegriffen von ICTjournal am 26. Oktober 2026. Sie verdankt dies insbesondere der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Doch ein grosser Teil dieser Talente wechselt anschliessend zu amerikanischen Tech-Giganten, in der Schweiz oder in den USA.

Was die NZZ über die KI-Fachleute in der Schweiz sagt

Die Feststellung stammt aus einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), der nur für Abonnenten zugänglich ist. ICTjournal hat das Wesentliche daraus am 26. Oktober 2026 aufgegriffen. Die Zürcher Tageszeitung führt diese Konzentration vor allem auf die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen zurück.

Diese Kompetenzen könnten der Entwicklung nationaler KI-Technologien und der digitalen Souveränität des Landes dienen. Das ist eine Perspektive, keine Feststellung. Die NZZ beschreibt vor allem eine andere Bewegung: Nach dem Studium wechseln viele Absolventinnen und Absolventen zu Konzernen wie Google oder IBM, in deren Schweizer Niederlassungen oder direkt in die USA.

Die Tageszeitung spricht von einem Braindrain. Die Kompetenzen vieler in der Schweiz ausgebildeter Talente kommen ihr zufolge ausländischen Konzernen zugute.

Wie viele Absolventen wechseln zu den Tech-Giganten?

Niemand beziffert es genau. Es gibt keine genauen Zahlen dazu, wie viele Absolventen zu den grossen Technologiekonzernen wechseln, schreibt die NZZ. Die Feststellung beruht daher auf Beobachtungen aus der Praxis.

Die wichtigste stammt von Andreas Krause, Leiter des ETH AI Center, des KI-Zentrums der ETH Zürich. «Ich stelle fest, dass ein grosser Teil der Absolventen des ETH AI Center zu grossen Technologiekonzernen wechselt», erklärt er gegenüber der NZZ.

Er hält diese Entwicklung für problematisch für die digitale Souveränität der Schweiz. «Wenn unsere besten Köpfe für amerikanische Konzerne arbeiten, liegt die Kontrolle über die Technologie letztlich in den USA», betont er.

Wie Google und andere die Talente in Zürich anziehen

Die amerikanischen Giganten rekrutieren in nächster Nähe der Hochschulen. Google, Microsoft, Meta, Apple, OpenAI und Anthropic sind in Zürich präsent. Sie finanzieren Forschung an der ETH Zürich, bieten jungen Forschenden Praktika und Studierenden Mentoring-Programme an.

Die NZZ nennt mehrere Beispiele im Zusammenhang mit Google:

  • eine Spende von 500'000 Franken an das ETH AI Center im Jahr 2026;
  • Stipendien und ein Mentoring durch Google-Forschende für drei Doktorierende der ETH Zürich im Jahr 2025;
  • laut der Tageszeitung die Unterstützung durch den Studierendenverein GDG on Campus Zurich, um an Hackathons und Treffen zu rekrutieren. Er gehört zum weltweiten Netzwerk der Google Developer Groups (GDG).

Die Region selbst präsentiert sich als Magnet. Auf ihrer Website beschreibt die Greater Zurich Area einen «Anziehungspunkt für KI-Innovation». Sie hebt eine technologieneutrale Regulierung und ein lokales Netzwerk hervor, das die Hochschulen mit der Industrie verbindet.

Warum Schweizer KI-Start-ups kaum mithalten können

Der Lohn ist das erste Hindernis. Die grossen Konzerne zahlen so gut, dass Schweizer KI-Unternehmen kaum konkurrieren können. Pascal Kaufmann, Gründungsmitglied des ETH Circle, fasst es gegenüber der NZZ zusammen: «Es ist extrem schwierig, ein Talent davon zu überzeugen, zu uns zu kommen, wenn ein amerikanischer Konzern dreissig Meter weiter ihm ein um ein Mehrfaches höheres Gehalt bietet.»

Auch die Grösse zählt. Die Schweiz hat kein KI-Unternehmen vergleichbarer Grösse, auch wenn zahlreiche Absolventen der ETH Zürich Start-ups gründen. Raphael Tobler, Präsident der Swiss Startup Association, erinnert daran, dass diese Unternehmen erhebliche Investitionen benötigen. Ihm zufolge treibt der Mangel an Kapital und Risikobereitschaft einige von ihnen ins Silicon Valley.

Dieselbe Diagnose fand sich in unserem Dossier zur Schweizer Robotik und künstlichen Intelligenz. Jan Kerschgens, Co-Direktor des Schweizer Zentrums für digitale Souveränität, sagte dort: «Es fehlt weder an Ideen noch an Talenten, sondern an inländischem Wachstumskapital.»

Das weltweite Risikokapital wiederum konzentriert sich auf KI. Laut CB Insights, aufgegriffen von Fintechnews Switzerland am 21. Oktober 2026, haben KI-Start-ups in neun Monaten 495,5 Milliarden Dollar aufgenommen. Das entspricht 71 % des weltweiten Totals, wie unser Artikel über das auf KI ausgerichtete Risikokapital in Erinnerung rief.

Was sich für ein Schweizer Unternehmen ändert, das rekrutiert

Für ein Start-up oder ein KMU ist der Talentpool vor Ort, aber auch die Konkurrenz. Das Thema knüpft an jenes der Beschäftigung im KI-Bereich in der Schweiz an, das 2clics genau verfolgt. Drei kürzlich vorgestellte junge Unternehmen zeigen, wie manche trotz allem rekrutieren.

UnternehmenHerkunftAngekündigte FinanzierungTeam
Enact IntelligenceGegründet im März 2026 in Zürich30 Millionen Dollar in der Pre-Seed-Runde, Oktober 2026Zwölf Personen, bis Ende 2027 zu verfünffachen
FlexionEnde 2024 in Zürich gegründet, unter anderem von ehemaligen Nvidia-Forschenden50 Millionen Dollar im Jahr 2025Nicht angegeben
TuriqGeleitet von zwei Informatikstudenten der ETH ZürichKeine Finanzierungsrunde angekündigtWachsendes Entwicklungsteam

Enact steht zur Wahl von Zürich gegenüber der Region San Francisco. Ihr Gründer Manuel Yves Galliker ist der Ansicht, dass es im Silicon Valley an Robotik- und Hardware-Ingenieuren fehlt: «Viel Geld jagt wenigen Leuten hinterher». Das Start-up hat diese Finanzierungsrunde am 22. Oktober 2026 angekündigt, wie unser Artikel über die Finanzierungsrunde von Enact Intelligence ausführt.

Turiq veranschaulicht den anderen Kanal, jenen der Programmierwettbewerbe. Im September 2025 bauten vier Studierende der ETH Zürich an den Swiss AI Weeks in St. Gallen in 36 Stunden einen Prototyp. Daraus wurde die Plattform des Fintech-Unternehmens Turiq von Klaus Wellershoff. Laut der NZZ soll auch Google an Hackathons rekrutieren.

Diese Beispiele messen den Braindrain nicht. Sie zeigen zwei Hebel, die die Unternehmen selbst nennen: eine bedeutende Finanzierung und einen direkten Zugang zu den Studierenden.

Welche Antwort geben die Hochschulen?

Die ETH Zürich und die EPFL haben die Swiss AI Initiative lanciert, um die Entwicklung von KI-Technologien in der Schweiz zu fördern. Diese Schwierigkeiten waren der Anlass für ihre Gründung. Laut der NZZ unterstützt die Initiative insbesondere Apertus, ein offenes KI-Modell.

Was wir noch nicht wissen

  • Auf welcher Studie und welchem Indikator die Rangliste beruht, die die Schweiz an die Spitze setzt.
  • Wie viele Absolventen der ETH Zürich und der EPFL zu den amerikanischen Giganten wechseln und wie viele in die USA gehen statt in deren Schweizer Niederlassungen.
  • Der tatsächliche Lohnunterschied: «um ein Mehrfaches höher» bleibt die Schätzung eines Branchenakteurs.
  • Wie viele Schweizer KI-Start-ups sich im Silicon Valley niedergelassen haben.
  • Ob die Swiss AI Initiative und das Modell Apertus mehr Talente in der Schweiz halten.

Quellen