Standard Chartered hat am 12. Oktober 2026 die Eröffnung eines Dienstes zur institutionellen Verwahrung von RLUSD angekündigt, dem von Ripple ausgegebenen, durch den Dollar gedeckten Stablecoin, in seiner auf dem XRP Ledger verfügbaren Version. Am selben Tag stellte die Bank ein zweites Vorhaben vor, das sie mit Ripple und der LMAX Group vorbereitet hat und das es ermöglichen würde, diesen Stablecoin als Sicherheit im Handel zu verwenden. Die beiden Ankündigungen befinden sich allerdings nicht im gleichen Stadium: Die erste ist operativ, die zweite bleibt ein Projekt ohne Lancierungsdatum.
Was lanciert ist: die Verwahrung in Dubai
Laut der Mitteilung der Bank, über die das Journal du Coin berichtet, ist der Verwahrungsdienst bereits verfügbar. Berechtigte Kunden können ihre auf dem XRP Ledger ausgegebenen RLUSD der Niederlassung von Standard Chartered im Dubai International Financial Centre anvertrauen, die von der Dubai Financial Services Authority beaufsichtigt wird. Der Dienst richtet sich somit derzeit nicht an alle Rechtsordnungen, in denen die Bank präsent ist.
Bei der institutionellen Verwahrung werden die Aufbewahrung der Vermögenswerte und die sichere Verwaltung der Zugänge einem Dienstleister anvertraut. Sie richtet sich an Unternehmen und professionelle Investoren, die Token in einem Rahmen halten möchten, der mit ihren internen Abläufen vereinbar ist, statt die Schlüssel selbst zu verwalten.
Der im Dezember 2024 lancierte RLUSD strebt eine Parität von einem Dollar pro Token an. Laut der Quelle bestehen seine Reserven namentlich aus Dollareinlagen, US-Staatsanleihen und Zahlungsmitteläquivalenten. Der Artikel nennt weder die Höhe dieser Reserven noch das Volumen der umlaufenden RLUSD: Diese Zahlen können hier daher nicht angegeben werden.
Dieses Angebot ist Teil einer breiteren geografischen Expansion. Am 8. Oktober 2026 hatte die Bank angekündigt, in Singapur einen Verwahrungsdienst für bestimmte Kryptowerte, Stablecoins und tokenisierte Vermögenswerte vorzubereiten. Dieses Projekt würde ihre Präsenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Luxemburg und in Hongkong ergänzen, vorbehaltlich der lokalen regulatorischen Anforderungen. Die Schweiz figuriert nicht auf dieser Liste.
Was noch in Planung ist: RLUSD als Sicherheit bei LMAX
Der zweite Teil betrifft die Nutzung der verwahrten Mittel. Standard Chartered, Ripple und die LMAX Group bereiten einen Mechanismus des «Collateral Mirroring» vor: LMAX würde den Wert der bei der Bank gehaltenen berechtigten RLUSD anerkennen, was es bestimmten Kunden ermöglichen würde, sie als Sicherheit für festgelegte Handelsprodukte einzusetzen, ohne die Token auf die Plattform zu übertragen.
Die Partner erwarten davon geringere operationelle Risiken im Zusammenhang mit Übertragungen und eine effizientere Kapitalbewirtschaftung. Es handelt sich dabei um erwartete Vorteile, nicht um gemessene Ergebnisse. Und das Vorhaben beseitigt die dem Handel eigenen Risiken nicht.
Vor allem ist es noch nicht geöffnet. Laut der Quelle müssen die Partner noch die Dokumentation fertigstellen, die Tests bestehen und die nötigen Genehmigungen einholen. Ein Lancierungsdatum wurde nicht kommuniziert, und derzeit ist nicht gesichert, dass der Dienst in der beschriebenen Form zustande kommt.
Diese Annäherung setzt eine im Januar 2026 angekündigte Vereinbarung zwischen Ripple und LMAX fort. Ripple hatte sich damals verpflichtet, 150 Millionen Dollar an Finanzierung bereitzustellen, um die Entwicklung der Gruppe zu unterstützen, verbunden mit einer Integration von RLUSD in deren institutionelle Abwicklungs- und Besicherungsaktivitäten.
Banken und Stablecoins: Wie ist das aus Schweizer Sicht einzuordnen?
Die Ankündigung veranschaulicht einen Trend: Die grossen Banken begnügen sich nicht mehr damit, Stablecoins zu beobachten, sie bieten deren Verwahrung an und versuchen, sie in umfassendere Finanzgeschäfte wie die Verwaltung von Sicherheiten einzubinden. Der Stablecoin wird so zu einem Vermögenswert, den man verwahrt und einsetzt, über die blosse Übertragung digitaler Dollar hinaus.
In der Schweiz, einem Finanzplatz, an dem Banken und Kryptoakteure Seite an Seite tätig sind, wirft diese Entwicklung grundlegende Fragen zur Rolle von Stablecoins im Bankensystem auf. Festzuhalten ist eine grundsätzliche Unterscheidung: Einen Stablecoin für einen Kunden zu verwahren, seinen Wert zu garantieren oder ihn als Sicherheit zu akzeptieren, sind unterschiedliche Tätigkeiten, die nicht dieselben Anforderungen nach sich ziehen. Der Fall Standard Chartered betrifft vorerst die erste.
Für Schweizer Akteure liegt das Interesse der Ankündigung weniger in ihrer direkten Wirkung, da der Dienst an Dubai gebunden ist, als in dem Modell, das sie skizziert: eine Bank als Verwahrerin digitaler Vermögenswerte, über einen Mechanismus zur Anerkennung von Sicherheiten mit einer Handelsplattform verbunden. Es bleibt abzuwarten, ob der noch geplante Teil die angekündigten Test- und Genehmigungsschritte schafft.




