Die Marktkapitalisierung tokenisierter Aktien hat einen Rekordwert von 3,9 Milliarden Dollar erreicht. Das zeigen die am 12. Oktober von der Analyseplattform Token Terminal veröffentlichten Zahlen, über die das Journal du Coin berichtet. Drei Netzwerke teilen sich den Grossteil dieses Marktes: BNB Chain liegt an der Spitze, vor Ethereum und Solana. Bevor man diesen Rekord deutet, gilt es zu klären, was er misst – und was nicht.
Was die veröffentlichten Zahlen zeigen
Gemäss den Daten von Token Terminal per 12. Oktober verteilt sich der Markt wie folgt auf die Netzwerke:
- BNB Chain: rund 1,2 Milliarden Dollar;
- Ethereum: 841,9 Millionen Dollar;
- Solana: 741,7 Millionen Dollar.
Zusammen kommen diese drei Netzwerke auf knapp 2,8 Milliarden Dollar, also rund 71 % des ausgewiesenen Totals. Das Journal du Coin rundet diesen Anteil auf «rund 70 % des von der Plattform erfassten Marktes». Die Unterscheidung ist wichtig: Es handelt sich um den von Token Terminal erfassten Bereich und nicht um eine vollständige Bestandesaufnahme aller existierenden tokenisierten Wertpapiere.
Auch die Methode verdient einen Hinweis. Die Marktkapitalisierung entspricht hier dem Wert der von der Plattform erfassten, im Umlauf befindlichen Token. Sie entspricht weder dem Handelsvolumen noch dem Betrag der im Zeitraum getätigten Neuinvestitionen. Ein Rekord bei der Marktkapitalisierung kann somit sowohl neue Emissionen als auch die Kursentwicklung der zugrunde liegenden Aktien widerspiegeln; die Quelle erlaubt es nicht, den Anteil dieser beiden Effekte auseinanderzuhalten.
Die Quelle liefert auch keinen Vergleich mit der Kapitalisierung der traditionellen Aktienmärkte. Wir verzichten deshalb darauf, ein Verhältnis anzugeben, und halten lediglich fest, dass der Artikel diesen Sektor selbst als «aufstrebenden Markt» bezeichnet.
Was ist eine tokenisierte Aktie?
Bei der Tokenisierung werden Finanztitel oder die damit verbundenen wirtschaftlichen Rechte auf einer Blockchain abgebildet. Im Prinzip verweist ein aktiengestützter Token auf einen zugrunde liegenden Titel, der ausserhalb der Blockchain von einem Emittenten oder einer Verwahrungsstelle gehalten wird.
Entscheidend ist, dass die Ausgestaltung je nach Emittent variiert. Wie die Quelle betont, verleiht das Halten eines Tokens nicht zwingend dieselben Rechte wie der direkte Besitz einer Aktie, namentlich beim Stimmrecht.
Der Artikel nennt als Beispiel die Produkte von Coinbase. Jeder Token steht dort für ein Zertifikat, das von einer eigens dafür geschaffenen Gesellschaft ausgegeben wird. Die zugrunde liegenden Aktien werden beim Broker Alpaca auf getrennten Konten im Namen des Emittenten verwahrt. Dividenden werden nicht direkt an die Inhaber ausgeschüttet, sondern nach Abzügen und Gebühren reinvestiert. Der Inhaber ist somit einem Instrument ausgesetzt, das sich von der Aktie selbst unterscheidet und dessen Bedingungen man lesen sollte.
Vielfältigere Anwendungen
Laut dem Journal du Coin geht das Wachstum mit neuen Anwendungen einher. Seit dem 25. September können sieben von Coinbase tokenisierte US-Aktien (Apple, Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla) auf einem Aave-V4-Markt hinterlegt werden, der auf dem Netzwerk Base läuft. Berechtigte Nutzerinnen und Nutzer ausserhalb der USA können sie als Sicherheit einbringen, um USDC zu leihen, einen Stablecoin. Zum Start können diese Token selbst nicht ausgeliehen werden, und USDC ist der einzige Vermögenswert, der in diesem als Equities Hub bezeichneten Bereich geliehen werden kann.
Das Protokoll Ethena hat seinerseits die Strategie hinter seinem synthetischen Dollar USDe auf tokenisierte Aktien ausgeweitet. Es kombiniert bStocks auf Binance mit Short-Positionen auf Aktien-Perpetual-Kontrakten, um das Kursrisiko zu begrenzen und zugleich Erträge aus der Finanzierung der Derivate zu erzielen.
Die genannten Risiken
Die Quelle selbst dämpft die Begeisterung. Die von Ethena praktizierte Absicherung beseitigt weder Liquiditäts- noch Gegenpartei- noch Divergenzrisiken zwischen den Instrumenten. Allgemeiner hält der Artikel fest, dass die Marktteilnehmer für den Sprung in eine andere Grössenordnung dauerhafte Liquidität anziehen und den Anlegerinnen und Anlegern klare Rechte, eine verlässliche Verwahrung und Rechtsbehelfe bieten müssen.
Aus diesen Elementen ergeben sich mehrere Punkte, die Aufmerksamkeit verdienen:
- das Gegenparteirisiko, das mit dem Emittenten des Tokens und der Verwahrungsstelle der zugrunde liegenden Aktien verbunden ist;
- die Liquidität, die in einem als aufstrebend bezeichneten Markt erst noch aufgebaut werden muss;
- der Zugang, der vom Wohnsitzland abhängt: Das von der Quelle beschriebene Angebot von Aave ist beispielsweise berechtigten Nutzerinnen und Nutzern ausserhalb der USA vorbehalten;
- die Rechte des Inhabers, die nicht unbedingt denjenigen eines direkten Aktionärs entsprechen.
Und die Schweiz?
Der Quellartikel befasst sich nicht mit der Lage in der Schweiz. Er erwähnt weder den schweizerischen Rechtsrahmen für verteilte elektronische Register noch in der Schweiz ansässige Infrastrukturen oder Emittenten, noch deren allfälligen Anteil an den erfassten 3,9 Milliarden Dollar. Mangels Daten in der Quelle äussern wir uns nicht zur Stellung der Schweiz in dieser Rangliste.
Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.
Quellen
- Journal du Coin: «Actions tokenisées : Record à 3,9 milliards de dollars, BNB Chain devant Ethereum et Solana», veröffentlicht am 13. Oktober, gestützt auf die Daten von Token Terminal vom 12. Oktober.




