Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat am Dienstag seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft im Jahr 2026 leicht angehoben; er erwartet nun 3,1 %. Für 2027 rechnet er mit einer Beschleunigung auf 3,4 %, ein unveränderter Wert. Diese Projektionen stehen in seinem neuen Bericht zur Lage der Weltwirtschaft (WEO), der anlässlich seiner Jahrestagung in Bangkok veröffentlicht wurde, wie Allnews unter Berufung auf eine AWP-Meldung berichtet. Es handelt sich um Prognosen: Sie beschreiben, was die Institution erwartet, nicht, was gemessen wurde.

Zwei gegenläufige Kräfte

Die neue Chefökonomin des IWF, Silvana Tenreyro, fasst das Bild mit zwei gegenläufigen Bewegungen zusammen. «Zwei Kräfte wirken auf die Wirtschaft: auf der einen Seite ein Anstieg der Energiepreise, der negative Angebotsschocks auslöst und die Inflation verstärkt, auf der anderen Seite die Investitionen, vor allem in künstliche Intelligenz (KI), die einen Nachfrageschock erzeugen», sagte sie vor der Presse.

Der starke Anstieg der Energiepreise hängt mit dem Krieg im Nahen Osten zusammen. Die Investitionen in KI hingegen dämpfen dessen Auswirkungen. Die Geschäftsführende Direktorin des IWF, Kristalina Georgieva, versicherte am Montag, die Beschleunigung der KI sei «das, was es der Weltwirtschaft ermöglicht, ein Wachstum von 3 % zu halten», wies aber zugleich darauf hin, dass sie auf wenige Regionen konzentriert bleibe.

Fortgeschrittene Volkswirtschaften vorne, Schwellenländer unter Druck

Die Aufwärtskorrektur für 2026 ist vor allem auf die gute Entwicklung der fortgeschrittenen Volkswirtschaften zurückzuführen, insbesondere der asiatischen. Am meisten profitieren die Halbleiter produzierenden Länder: Der IWF erwartet für Taiwan in diesem Jahr ein Wachstum von 10,7 % und für Südkorea von 3,3 %. In den USA bleibt die Prognose für 2026 unverändert bei 2,3 %, da die Investitionen in KI den Anstieg der Energiepreise ausgleichen. Für das Vereinigte Königreich wird die Projektion auf 1,3 % angehoben (+0,3 Prozentpunkte), namentlich dank des Baus von Rechenzentren für KI, bevor sich das Wachstum 2027 auf 1,2 % verlangsamt (-0,1 Prozentpunkte).

Die Schwellenländer hingegen leiden unter dem starken Anstieg der Preise für Kohlenwasserstoffe. Nordafrika und der Nahe Osten dürften in diesem Jahr in eine Rezession abgleiten. Saudi-Arabien würde 2026 mit einem Rückgang von 3,3 % abschliessen, also 5 Prozentpunkte weniger als in der Prognose vom Juli, und diese Schätzung berücksichtigt nicht, dass die Huthi aus Jemen die Kontrolle über eine Meerenge der Region übernommen haben, was die saudischen Ölexporte zusätzlich zu behindern droht. Anderswo fällt der erwartete Rückgang deutlicher aus: -16 % für den Irak, fast ebenso viel für Katar, -16,7 % für Kuwait, -11,3 % für Bahrain und -7,6 % für Iran.

Die beiden grossen Schwellenländer entwickeln sich unterschiedlich. China verlangsamt sich weiter, mit erwarteten 4,5 % in diesem Jahr und 4 % im Jahr 2027, nach unten korrigierte Werte, aufgrund einer schwachen Binnennachfrage. Indien dagegen sieht seine Prognose für 2026 um 0,6 Prozentpunkte auf 7 % angehoben, getragen von seiner Binnennachfrage und der Stärke seines Dienstleistungssektors.

Die Eurozone robuster als erwartet

Für die Eurozone erwartet der IWF nun ein Wachstum von 1,1 % im Jahr 2026, also 0,2 Prozentpunkte mehr als im Juli, und danach 1,2 % im Jahr 2027, eine unveränderte Prognose, die dem Wachstumsniveau von 2025 entsprechen würde. Deutschland, die grösste Volkswirtschaft Europas, zieht das Ganze mit: Nach drei schwierigen Jahren, davon zwei in der Rezession, wird sein Wachstum für 2026 um 0,6 Prozentpunkte auf 1,3 % angehoben und für 2027 bei 1,1 % erwartet (+0,1 Prozentpunkte). Spanien käme in diesem Jahr auf 2,5 % (+0,4 Prozentpunkte) und 2027 auf 1,8 %, Italien auf 0,8 % (+0,3 Prozentpunkte) und danach auf 0,6 % (+0,1 Prozentpunkte).

Frankreich bildet die Ausnahme: 0,4 % im Jahr 2026 und 0,7 % im Jahr 2027, also eine Abwärtskorrektur um 0,2 Prozentpunkte für jedes der beiden Jahre. Der IWF verweist auf die Wetterereignisse des Sommers, Hitzewellen und Brände, sowie auf die anhaltende politische Unsicherheit; das Land kämpft zudem mit Haushaltsproblemen, wenige Monate vor einer Präsidentschaftswahl.

Die Inflation bleibt ein Punkt, den es im Auge zu behalten gilt: Sie wird in der Eurozone für 2026 bei 3,1 % und für nächstes Jahr bei 2,8 % erwartet, über dem von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebten Ziel von 2 %.

Was das für eine Exportwirtschaft wie die Schweiz bedeutet

Die verfügbare Quelle nennt keine Prognose des IWF für die Schweiz: Diese Zahl wird hier deshalb nicht aufgeführt und auch nicht durch eine Schätzung ersetzt.

Zur Einordnung: Mehrere Punkte dieser Projektionen verdienen die Aufmerksamkeit einer Exportwirtschaft. Eine Eurozone, die besser dasteht als im Juli, und ein Deutschland, das deutlich an Fahrt gewinnt, zeichnen ein günstigeres Umfeld für Unternehmen, die auf diese Märkte ausgerichtet sind. Umgekehrt erinnern die Schwäche Frankreichs und die Verlangsamung Chinas daran, dass die Auslandsnachfrage von einem Absatzmarkt zum anderen ungleich bleibt.

Auch die Art dieses Wachstums mahnt zur Vorsicht. Nach eigenem Bekunden des IWF stammt der Schwung zu einem grossen Teil aus den Investitionen in KI, die sich auf wenige Regionen konzentrieren. Für ein exportierendes Unternehmen geht es daher weniger um die globale Zahl als darum, ob es in den Wertschöpfungsketten, die davon profitieren, seinen Platz hat oder nicht. Hohe Energiepreise und eine über dem Ziel liegende Inflation bei den Nachbarn können zudem die Kosten der Unternehmen und die Kaufkraft der Haushalte belasten.

Prognosen unter Vorbehalt

Der IWF weist selbst auf die Risiken hin. «Eine Verfestigung oder eine erneute Eskalation» der Konflikte im Nahen Osten oder in der Ukraine könnte namentlich den Anstieg und die Volatilität der Rohstoffpreise verlängern und die Inflation weiter anheizen. Es bestehen also zwei Lesarten nebeneinander: die einer Weltwirtschaft, die dank KI standhält, und die eines Wachstums, das weitgehend auf einem einzigen Motor beruht und dem Energieschock ausgesetzt bleibt. Die Zahlen für 2026 und 2027 bleiben Projektionen, die noch revidiert werden können.

Quellen