Ein Sprachmodell versteht geschriebenes Schweizerdeutsch inzwischen fast so gut wie Hochdeutsch. Das zeigt ein Test, den Intochat, Anbieter einer Chatbot-Plattform für Unternehmen, am 30. Oktober 2026 veröffentlicht hat. Fünf Modelle der künstlichen Intelligenz (KI) von Anthropic, Google und OpenAI haben Kundennachrichten in Mundart gelesen. Das Hauptrisiko liegt woanders: erfundene Versprechen im Namen des Unternehmens.
Laut dem Bericht des Deutschschweizer Fachportals Inside IT erkannten die fünf Modelle in den schweizerdeutschen Nachrichten 97,8 bis 100 % der Schlüsselinformationen. Bei denselben Nachrichten auf Hochdeutsch liegt der Wert bei 99,3 bis 100 %. Der Abstand zwischen Mundart und Schriftdeutsch ist für diese Modelle also gering geworden.
Wie Intochat die Sprachmodelle getestet hat
Das Vorgehen ist einfach. Gemäss dem Blog von Intochat umfasst der Test 50 Kundennachrichten aus 7 Regionen, die fünf aktuellen Modellen vorgelegt wurden, insgesamt 1000 Antworten. Inside IT präzisiert, dass jede Nachricht in Mundart und auf Hochdeutsch vorlag und die Ergebnisse anschliessend verglichen wurden.
Getestet wurden Claude Sonnet 5.5 und Claude Haiku 5.5 des US-Unternehmens Anthropic, Gemini 3.8 Flash und Gemini 3.1 Pro von Google sowie GPT-6 Luna von OpenAI, dem Anbieter von ChatGPT.
| Modell | Erkannte Schlüsselinformationen auf Schweizerdeutsch | Sprache der Antwort | Richtigkeit der Antworten, laut Inside IT |
|---|---|---|---|
| Claude Sonnet 5.5 (Anthropic) | 100 % | Fast immer auf Hochdeutsch | 90 % korrekt; die übrigen falsch, mit erfundenen Informationen |
| Claude Haiku 5.5 (Anthropic) | 97,8 % | Fast immer auf Hochdeutsch | 14 % falsche oder erfundene Antworten |
| Gemini 3.8 Flash (Google) | 100 % | Fast immer auf Hochdeutsch | 14 % falsche oder erfundene Antworten |
| Gemini 3.1 Pro (Google) | 100 % | Fast immer auf Hochdeutsch | 20 % falsch, 16 % teilweise erfunden |
| GPT-6 Luna (OpenAI) | 99,3 % | In 94 % der Fälle in Mundart | Das beste Ergebnis; 4 % mit erfundenen Informationen |
Verständnisfehler bleiben selten und punktuell. Intochat nennt Uhrzeiten in Mundart wie «ab em 18i» (ab 18 Uhr), die als Datum gelesen wurden, sowie einzelne regionale Wörter.
Die Sprache der Antwort unterscheidet die Modelle deutlich. GPT-6 Luna antwortete auf 47 der 50 schweizerdeutschen Nachrichten in Mundart, schreibt Intochat. Die Modelle von Claude und Gemini antworteten fast immer auf Hochdeutsch.
Versprechen, die das Unternehmen nie gemacht hat
Das nützlichste Ergebnis des Tests betrifft die falschen Antworten. Laut Inside IT kommen sie häufig vor, und die Sprache der Frage ändert daran kaum etwas. Gemäss diesem Test erklärt die Mundart diese Fehler also nicht.
Den besten Wert erreicht GPT-6 Luna mit 4 % Antworten mit erfundenen Informationen bei den Fragen auf Hochdeutsch. Claude Sonnet 5.5 antwortet in 90 % der Fälle korrekt, seine übrigen Antworten sind jedoch falsch und mit Erfindungen angereichert. Gemini 3.1 Pro bildet das Schlusslicht mit 20 % falschen und 16 % teilweise erfundenen Antworten.
Bei diesen Erfindungen handelt es sich laut Intochat vor allem um kleine Zusagen, die das Geschäft nie gemacht hat. Genannte Beispiele: «Wir haben selbstverständlich auch Platz für Ihre Ski» oder die Möglichkeit, bei einer Rücksendung die neue Grösse anzugeben. Eine Antwort stellte sogar eine Diagnose zu einem Geruch aus der Lüftung. Für den Anbieter sind solche Sätze heikel, weil Kundinnen und Kunden sie als Versprechen verstehen.
Die Grenzen der Methode
Dieser Test liefert eine Messung, keinen allgemeinen Beweis. Mehrere Punkte schränken seine Aussagekraft ein.
- Ein Test eines Anbieters. Intochat verkauft eine Plattform, auf der die Kundschaft ihr Modell bei OpenAI, Anthropic oder Google wählt. Es handelt sich nicht um eine Publikation eines Forschungslabors.
- Eine kleine Stichprobe. Bei 50 Nachrichten fällt schon ein einziger Fehler bei einem Prozentwert stark ins Gewicht. Die Unterschiede zwischen 97,8 und 100 % bleiben deshalb wenig belastbar.
- Nur Geschriebenes. Der Test betrifft getippte Nachrichten. Bei der Sprache hält Intochat fest, dass die Erkennung der Mundart schwankt: Zürichdeutsch wird am besten erkannt, Walliser- und Bündnerdeutsch bleiben schwach.
- Eine uneinheitliche Schreibweise. Schweizerdeutsch hat keine anerkannte Schriftform. Dasselbe Wort kann je nach Region auf fünf Arten geschrieben werden, erinnert Intochat.
- Datierte Versionen. Die Ergebnisse gelten für die im Oktober 2026 getesteten Modelle, nicht für ihre Nachfolger.
Die Mundart verstehen, aber anders beurteilen
Eine Nachricht gut zu verstehen, garantiert nicht, ihre Verfasserin oder ihren Verfasser neutral zu behandeln. Eine Studie des Labors HAIS (Human-Centered AI-based Learning Systems) der Berner Fachhochschule (BFH), die am 16. Juli 2026 auf der Plattform SocietyByte erschienen ist, hat dies gemessen.
Die Forschenden Jeffrey Avila, Thiemo Wambsganss und Roman Rietsche legten 13 Modellen 200 identische Satzpaare auf Berndeutsch und auf Hochdeutsch vor. Die Sätze stammen aus SwissDial, einem öffentlichen Korpus von gesprochenem Schweizerdeutsch. Die Modelle sollten der Verfasserin oder dem Verfasser Charaktereigenschaften zuschreiben.
Bei den geschlossenen kommerziellen Assistenten wie GPT-4o, Claude und Gemini ist das Ergebnis deutlich. Sie schrieben den Sätzen auf Berndeutsch in 34 bis 42 % der Fälle negative Eigenschaften zu, gegenüber 22 bis 33 % auf Hochdeutsch. Die Wörter «unhöflich», «stur» und «dumm» häufen sich auf der Seite der Mundart.
Die Autoren unterscheiden zwischen dem, was sie beobachten, und dem, was sie erklären: Sie sehen, wo die Verzerrung auftritt, nicht warum. Die älteren, rein deutschsprachigen Modelle neigten sogar in die andere Richtung, zugunsten der Mundart. Diese Modelle sind nicht jene aus dem Test von Intochat.
Und die Schweizer Modelle?
Apertus, das grosse offene Sprachmodell der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL), wurde mit Daten auf Schweizerdeutsch und Rätoromanisch trainiert. Laut swissinfo.ch vom 7. Oktober 2025 nehmen seine Entwickler über 1800 Sprachen für sich in Anspruch.
Eine Sprache zu verstehen, reicht nicht, um sie korrekt zu sprechen, hielt swissinfo.ch in seinem Test fest. Apertus konnte damals nicht mit GPT-4, Gemini oder Claude mithalten. Für seine nächste Trainingsphase erhielt es 20 Millionen Franken vom Bund. Andere Schweizer Akteure setzen auf eine souveräne KI wie Giotto, ein Lausanner Start-up, das im Oktober 2026 seine Modelle Solo und Alto lanciert hat.
Was das für ein Unternehmen oder eine Verwaltung in der Deutschschweiz ändert
Für einen Kundendienst ist die Mundart nicht mehr das wichtigste technische Hindernis. Wichtiger ist die Kontrolle dessen, was der Assistent verspricht. Aus den Quellen ergeben sich einige Punkte.
- Die Sprache der Antwort wählen. Intochat empfiehlt, Mundart als Eingabe zu akzeptieren und auf Hochdeutsch mit Schweizer Rechtschreibung (ss statt Eszett) zu antworten. Ein Chatbot in Mundart bleibt möglich, doch GPT-6 Luna wechselt oft von sich aus dorthin.
- Zusagen begrenzen. Ein Assistent darf keine Leistung, keine Frist und keinen Rabatt versprechen, die das Unternehmen nicht anbietet. Unser Ratgeber zu KI für KMU schildert den Fall, den Alexander Finger, Chief Technology Officer von SAP Schweiz, anführt: ein Chatbot, der Rabatte auf Autos gewährt hatte.
- Mit echten Nachrichten testen. Intochat rät, rund zehn echte Nachrichten in Mundart aus früheren E-Mails zusammenzustellen und zwei Modelle zu vergleichen, bevor man sich entscheidet.
- Verzerrungen vor der Einführung prüfen. Die Forschenden der BFH fordern, dass eine Hochschule, ein Unternehmen oder eine öffentliche Stelle diese Mundart-Verzerrung prüft, bevor sie ein Modell einführt. Für eine Verwaltung gilt: Wer auf Berndeutsch schreibt, muss dieselbe Aufmerksamkeit erhalten.
- Den Datenschutz einhalten. Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) hat am 24. September 2025 daran erinnert, dass das Datenschutzgesetz (revDSG) direkt auf KI anwendbar ist.
Was man noch nicht weiss
- Ob die von der BFH gemessene Verzerrung gegenüber der Mundart in den von Intochat getesteten Versionen fortbesteht.
- Wie viele Kundinnen und Kunden einem Unternehmen tatsächlich in Mundart schreiben. Inside IT stellt diese Frage, und Intochat sagt, dass die meisten auf Hochdeutsch wechseln.
Quellen
- Inside IT, «KIs lügen auch auf Schweizerdeutsch», 30. Oktober 2026, gestützt auf den Bericht von Intochat
- Intochat, «Schweizerdeutsch and AI Chatbots: What Works in 2026», aktualisiert am 10. Oktober 2026
- SocietyByte (BFH), «Dialect Bias in AI: Where Language Models Place Swiss German Speakers», 16. Juli 2026
- swissinfo.ch, «Was kann Apertus? Fakten und Mythen über das neue Schweizer KI-Modell», 7. Oktober 2025
- 2clics.com, im Text zitierte Artikel, gestützt auf das Magazin PME, ICTjournal und den EDÖB




