Anja Fiedler, die im Mai nach drei Jahren als Nummer zwei an die Spitze von Switzerland Global Enterprise (S-GE) aufgerückt ist, hat in einem Interview mit dem Magazin PME dargelegt, wie die offizielle Exportförderorganisation der Schweiz die KMU durch geopolitische Spannungen und Zollkonflikte begleiten will. Sie folgt auf Simone Wyss Fedele; die Stabübergabe war bereits im Herbst 2025 angekündigt worden.
Bevor sie 2023 zu S-GE kam, machte sie gemäss PME Karriere bei Unilever, Philip Morris, Lonza und Roche und leitete ab 2022 HACO.
Ein Mandat des Bundes, stabile Mittel
S-GE verfügt über ein Budget, das im Rahmen eines vierjährigen Mandats des Bundes finanziert wird und das ihre Direktorin als stabil bezeichnet. Die Organisation beschäftigt 200 Mitarbeitende: die Hälfte in der Schweiz, in Zürich, Renens und Lugano, die andere Hälfte im Ausland, in 20 Hubs, die an die Botschaften angegliedert sind und 45 Länder abdecken.
Die Nachfrage hingegen steigt. 2022 unterstützte S-GE etwas mehr als 5’500 Unternehmen; im vergangenen Jahr gingen über 7’000 Anfragen ein, viele davon im Zusammenhang mit der Lage in den USA. PME beziffert den Anstieg auf 27 Prozent. «Wir können unseren Personalbestand nicht im Gleichschritt mit der Nachfrage erhöhen», räumt Anja Fiedler ein. Ihre Antwort setzt auf interne Effizienz: laufende Weiterbildung der Teams, Einsatz digitaler Werkzeuge und künstlicher Intelligenz sowie Bearbeitung von Informationsanfragen über Webinare und an den Schweizer Pavillons internationaler Messen (rund 25 pro Jahr).
Eine Konjunktur, die zur Vorsicht mahnt
Ihr Amtsantritt fällt mit einem Rückgang der Exporte zusammen: PME erinnert an ein Minus von 4,2 Prozent im ersten Quartal 2026 auf 66,9 Milliarden Franken, den tiefsten Stand seit 2021. Anja Fiedler warnt davor, sich zu stark auf diese Schwankungen zu konzentrieren, und betont, dass das zweite Quartal einen Aufschwung von über 8 Prozent verzeichnete, getragen von der Erholung der Pharmaindustrie. Eine Entspannung sieht sie darin nicht: «Klammert man Preis- und Wechselkurseffekte aus, liegt das Nettowachstum in Wirklichkeit nahe bei null. Vorsicht bleibt geboten.»
Die jüngsten Schocks, vom Liberation Day von Donald Trump bis zur Krise im Roten Meer, stellen ihrer Ansicht nach die Prioritäten von S-GE nicht auf den Kopf; die Organisation passe ihre Strategie laufend an.
USA: Zollinformationen und gesenkte Tarife
Die USA stehen für fast 20 Prozent der Schweizer Warenexporte, erinnert PME und verweist auf die Volatilität der amerikanischen Zölle, die zuletzt am 24. Juli angepasst wurden. Angesichts der Zollerhöhungen beobachtet die CEO unterschiedliche Reaktionen: Manche Unternehmen beschleunigen ihre Investitionen oder ihre Produktion auf amerikanischem Boden, andere frieren ihre Projekte vor Ort ein, um sich auf Regionen mit Freihandelsabkommen wie Südostasien oder Indien neu auszurichten.
S-GE gibt an, auf zwei Ebenen zu handeln: mit technischen Informationen zu den Zöllen, namentlich über ihre Anlaufstelle Export Help, und mit einer Begleitung strategischer Entscheide im Einzelfall. Um den Schock abzufedern, hat die Organisation nach eigenen Angaben die Tarife ihrer Dienstleistungen gesenkt. Anja Fiedler erwähnt zudem, dass einige Kantone wie Bern Exportberatungsgutscheine verteilt haben.
Naher Osten, Indien, China: unterschiedliche Ansätze
Für Unternehmen, die von der Störung der Logistikkorridore im Nahen Osten betroffen sind, bietet S-GE die Suche nach alternativen Routen sowie die Vermittlung lokaler Fachleute an, um Verträge und Preispolitik anzupassen. Manche KMU konzentrieren sich auf benachbarte Märkte, die als stabiler gelten, etwa Oman oder Saudi-Arabien; andere verfolgen einen antizyklischen Ansatz und lassen sich schon jetzt dort nieder.
Das Handels- und Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (TEPA) mit Indien, das im Oktober sein einjähriges Bestehen feiert, hat ihr zufolge das Interesse der Schweizer KMU sprunghaft steigen lassen. Sie spricht von einem deutlichen Anstieg der Zahl begleiteter Unternehmen, namentlich über die Niederlassungen von S-GE in mehreren indischen Metropolen, hält aber fest, dass es nicht Sache von S-GE sei zu beurteilen, ob sich dieses Interesse in Investitionen niederschlägt.
In China, wo die KMU unter dem Preiskampf der lokalen Konkurrenz und dem Wettbewerb japanischer Unternehmen leiden, ist es ihrer Ansicht nach «keine ausreichend solide Strategie», allein auf das Label Swiss made zu setzen. Der Schlüssel liegt für sie darin, die regulatorischen Veränderungen vor Ort zu beherrschen und einen echten Mehrwert zu bieten, der einen Premiumpreis rechtfertigt.
Europa und starker Franken
Europa bleibt für sie «das natürliche Fundament unserer Exporte». Als wichtigen Meilenstein bezeichnet sie die Mitte Juli angekündigten Verhandlungen über ein revidiertes Freihandelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich: Es handelt sich derzeit um die Aufnahme von Verhandlungen, nicht um ein abgeschlossenes Abkommen.
Der starke Franken wiederum gehört systematisch zu den drei grössten Sorgen, die vierteljährlich bei den begleiteten Unternehmern erhoben werden. Verschärft sich der Währungsdruck, überarbeitet S-GE mit den KMU deren Preispolitik, die Zusammensetzung ihres Produktportfolios oder ihre geografische Ausrichtung.
Was umgesetzt ist, was Ausrichtung bleibt
Im Interview ist von keinem neuen bezifferten Programm die Rede. Als bereits umgesetzte Massnahmen werden die Senkung der Dienstleistungstarife, die Zollinformationen von Export Help, die Webinare und Schweizer Pavillons sowie die Investitionen in Weiterbildung, digitale Werkzeuge und KI genannt. Der Rest gehört zur Vision der CEO: eine Wirtschaft, deren Attraktivität ihrer Ansicht nach mehr auf Innovation als auf steuerlichen Argumenten beruht, und eine S-GE, die in Zusammenarbeit mit den Kantonen und den Innovationsparks ausländische Unternehmen anspricht, die in den Bereichen Gesundheit, Digitalisierung, Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, Finanzen oder Automatisierung Mehrwert schaffen können.
Quellen
- PME: «Exportations suisses: Anja Fiedler, CEO de S-GE, dévoile sa stratégie»




