Auf der einen Seite meldet das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) für das zweite Quartal 2026 ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 1,5 %, das stärkste seit dem dritten Quartal 2021, und die Wachstumsprognose für das Jahr wird auf 1,7 % angehoben. Auf der anderen Seite zählt das Unternehmen Crif in den ersten neun Monaten des Jahres 11'412 Firmenkonkurse, 37 % mehr als in der gleichen Vorjahresperiode 2025. Diese beiden Signale widersprechen sich nicht unbedingt: Sie messen nicht dasselbe.

Ein aussergewöhnliches zweites Quartal, getragen von der Pharma

Gemäss SECO wuchs das um Sportevents bereinigte BIP im zweiten Quartal um 1,5 %, nach +0,5 % im ersten. Ohne diese Bereinigung beträgt der Anstieg 1,9 %, nach 0,6 %. Die Industrie legte um 3,9 % zu, angetrieben vom verarbeitenden Gewerbe (+4,5 %) und vor allem von der Chemie-Pharma-Branche, deren Wertschöpfung nach mehreren Quartalen mit schwachem oder gar negativem Wachstum um 10,5 % zunahm. Die Warenexporte stiegen um 5,5 %.

Der Dienstleistungssektor wuchs um 0,7 % und die inländische Endnachfrage um 0,5 %, nach einem schwachen Jahresbeginn ein Tempo nahe ihrem historischen Durchschnitt, wie das SECO festhält. Der private Konsum nahm um 0,3 % zu. Im Detailhandel (+1,2 %) und im Gastgewerbe (+1,4 %) stieg die Wertschöpfung, ebenso wie die Bauinvestitionen (+0,7 %).

Eine angehobene Prognose, aber eine erwartete Korrektur

Am 17. September hob die Expertengruppe des Bundes für Konjunkturprognosen ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 1,7 % an, nach 0,9 % im Juni. Jene für 2027 bleibt unverändert bei 1,6 %. Es handelt sich um Prognosen und nicht um Feststellungen, und die Experten mahnen selbst zur Vorsicht: Ihrer Ansicht nach überzeichnet der Anstieg im zweiten Quartal wahrscheinlich die zugrunde liegende Dynamik, da fast die Hälfte davon auf die sehr volatile Wertschöpfung der Chemie-Pharma-Branche zurückgeht, begleitet von einem deutlichen Sprung der Exporte. Sie rechnen daher mit einer gewissen Korrektur im zweiten Halbjahr.

Für den Arbeitsmarkt geht die Expertengruppe von einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 3,1 % im Jahr 2026 und von 3,0 % im Jahr 2027 aus, sowie von einer durchschnittlichen Teuerung von 0,6 % in beiden Jahren. Als Hauptrisiken genannt werden der Konflikt im Nahen Osten, die Energiepreise und die amerikanische Zollpolitik.

Stark steigende Konkurse in mehreren Branchen

Die Zahlen von Crif, über die swissinfo.ch am 2. Oktober berichtete, zeigen eine andere Seite. Am stärksten betroffen sind das Baugewerbe (1380 Unternehmen, +13 %), die Gastronomie (1019, +20 %) und der Detailhandel (895, +51 %). In absoluten Zahlen verzeichnen Zürich (1850, +28 %), Genf (1369, +65 %) und die Waadt (1006, +30 %) die meisten Fälle. Das Tessin (+48 %, auf 721) und Graubünden (+95 %, auf 218) liegen über dem landesweiten Durchschnitt.

Gleichzeitig wurden gemäss den von swissinfo.ch verbreiteten Zahlen zwischen Januar und September 40'487 Unternehmen gegründet, 2 % mehr als ein Jahr zuvor. Die Unternehmensberatung (3499, +25 %) liegt an der Spitze, während die Gründungen im Detailhandel zurückgehen (2823, −12 %).

Wie diese beiden Signale zu lesen sind

  • Ein rechtlicher Effekt. Gemäss dem Artikel von swissinfo.ch erklärt sich ein Teil des Anstiegs durch eine Gesetzesänderung: Seit dem 1. Januar 2025 können Steuerschulden von im Handelsregister eingetragenen Unternehmen auch auf dem Weg des Konkurses eingetrieben werden, während die Behörden zuvor nur den Weg der Pfändung beschreiten konnten. Die Quelle beziffert nicht, welcher Anteil des Anstiegs auf diese Änderung zurückgeht.
  • Unterschiedliche Messgrössen. Das BIP misst die in einem Quartal erzeugte Wertschöpfung; die Konkurszählung umfasst neun Monate und eine Anzahl Unternehmen, unabhängig von ihrer Grösse. Eine Hypothese: Ein von der Chemie-Pharma-Branche und den Exporten befeuertes Wachstum kann mit Schwierigkeiten bei zahlreichen kleinen Betrieben einhergehen. Die Quellen sagen allerdings nichts über die Grösse der Unternehmen aus, die den Anstieg ausgemacht haben.
  • Ein breites, aber von der Chemie-Pharma-Branche befeuertes Wachstum. Das SECO und die Expertengruppe bezeichnen das Wachstum im zweiten Quartal als breit abgestützt («broad-based»), sowohl über die Branchen als auch über die Nachfragekomponenten hinweg. Doch ohne Chemie-Pharma wuchs das verarbeitende Gewerbe nur um 0,7 %. Die Branchen mit dem stärksten Anstieg der Konkurse sind nicht jene, die das Wachstum getragen haben. Im Detailhandel und im Gastgewerbe ist die Wertschöpfung im zweiten Quartal dennoch gestiegen, und die Bauinvestitionen haben zugenommen; eine mögliche Lesart ist, dass die Schwierigkeiten eher einzelne Unternehmen als diese Sektoren insgesamt betreffen.

Der Detailhandel veranschaulicht diese Ambivalenz: realer Umsatz im zweiten Quartal gemäss SECO gestiegen, aber Konkurse gemäss Crif um 51 % höher und Gründungen gemäss den von swissinfo.ch verbreiteten Zahlen um 12 % rückläufig. Die Quellen erlauben es nicht, zwischen Restrukturierung, Gesetzeseffekt oder anhaltender Fragilität zu entscheiden.

Was das für Unternehmen und Haushalte bedeutet

Für die Haushalte bleiben die offiziellen Prognosen eher beruhigend: eine leicht sinkende Arbeitslosigkeit und eine moderate Teuerung. Für die Unternehmen ist das Bild differenzierter. Die Exporteure profitieren gemäss der Expertengruppe von einem etwas günstigeren globalen Umfeld und von der jüngsten Abschwächung des Frankens. Die auf den Binnenmarkt ausgerichteten Branchen hingegen bewegen sich in einem Umfeld mit moderat wachsender Nachfrage. Die nächsten Daten werden zeigen, ob die im zweiten Halbjahr erwartete Korrektur eintritt.

Quellen