Fast 90 % der Schweizer Softwarehersteller geben an, dass künstliche Intelligenz (KI) ihren Teams bei der Entwicklung hilft. Das ist das wichtigste Ergebnis der neusten Ausgabe des Swiss Software Industry Survey (SSIS), den die Universität Bern im Auftrag von Swico, dem Branchenverband der Digitalbranche in der Schweiz, durchgeführt hat und über den Inside IT am 30. Oktober 2026 berichtete. KI hält auch im Marketing, in der Geschäftsleitung und bei Verträgen Einzug, doch beim Code behält der Mensch das Heft in der Hand.

Die Entwicklung liegt weit vor den anderen Einsatzbereichen. Gemäss der Umfrage setzen 68,5 % der Unternehmen KI im Marketing ein, 60,4 % für Führungsaufgaben und 48,7 % in der Vertragsverwaltung. Schlusslicht ist der Einkauf mit 16,2 %, davor liegen Finanzen und Personalwesen. «KI verändert die Softwareentwicklung bereits spürbar», fasst Jon Fanzun, Geschäftsführer von Swico, zusammen, zitiert von Inside IT.

Was die Swico-Umfrage misst und was nicht

Der SSIS beruht auf Selbstauskünften. Die Unternehmen geben selbst an, wo sie KI einsetzen und wie viel sie darin investieren. Die Umfrage sagt nicht, ob der tatsächliche Einsatz in ihrem Code oder ihren Prozessen gemessen wurde. Geleitet wird die Studie von Professor Jens Dibbern von der Universität Bern, in Auftrag gegeben hat sie Swico, das die befragte Branche vertritt.

Die Meldung von Inside IT nennt weder die Zahl der befragten Unternehmen noch die Rücklaufquote noch den Zeitraum der Umfrage. Diese Angaben fehlen, um die Repräsentativität der Prozentwerte zu beurteilen. Der Vergleich mit zwei anderen, bereits auf 2clics vorgestellten Arbeiten hilft, diese Methode einzuordnen.

StudieWas sie misstWichtigste Einschränkung
Swiss Software Industry Survey (Universität Bern, für Swico)Von Schweizer Softwareherstellern angegebene KI-Nutzung und KI-BudgetsSelbstauskunft, Stichprobengrösse in der Meldung nicht veröffentlicht
Studie mit Harvard-Bezug (Fiona Chen und James Stratton)Codezeilen, Commits, Pull Requests und Dauer des ReviewsStichprobe und Zeitraum von TechRadar Pro nicht angegeben
Bericht von OpenAI zu EuropaGenerierte Tokens und Nutzende der eigenen Tools in der Europäischen UnionDaten eines Anbieters, keine Zahlen zur Schweiz

Der SSIS hat also einen Vorteil: Er betrifft die Schweiz und eine klar umrissene Branche. Der Bericht von OpenAI über KI-Agenten in europäischen KMU erlaubte mangels Daten keine Einordnung der Schweiz.

KI und Softwareentwicklung: eher ein Tandem als eine autonome Fabrik

Kein befragtes Unternehmen gibt an, eine «Dark Factory» zu betreiben, also eine vollständig autonome Softwareproduktion. Hingegen nutzen 11,8 % Multi-Agenten-Orchestrierungen, bei denen sich mehrere KI-Agenten Aufgaben teilen. KI dient vor allem als Partnerin beim Schreiben des Codes.

  • 38,2 % der Unternehmen praktizieren Pair Programming, bei dem Entwickler und Maschine gemeinsam am Code arbeiten.
  • 26,5 % lassen ihre Teams die Anforderungen definieren, danach generiert die KI den Code und lässt ihn Tests durchlaufen. Die Mitarbeitenden prüfen und genehmigen anschliessend das Ergebnis.
  • Rund 70 % setzen KI punktuell oder strukturiert in mehreren Schritten ihrer Wertschöpfungskette ein.

Eine vollständige Neugestaltung der Prozesse und Geschäftsmodelle bleibt gemäss der von Inside IT aufgegriffenen Mitteilung die Ausnahme. «Die meisten Unternehmen sind noch weit von einer weitgehend autonomen Produktion entfernt: Die KI unterstützt, der Mensch steuert und kontrolliert», ergänzt Jon Fanzun.

Diese menschliche Kontrolle hat bereits belegte Kosten. Die Studie mit Harvard-Bezug beobachtete mit KI 20 bis 30 % mehr Code, Commits und Pull Requests, ohne signifikante Zunahme fertiggestellter Software. Das menschliche Code-Review verlängerte sich dort im Durchschnitt von 7,03 auf 10,48 Tage. Das von 26,5 % der Schweizer Hersteller angegebene Modell stellt genau diese Prüfung ins Zentrum.

KI-Investitionen: ein Budget, das sich in zwei Jahren fast verdoppeln dürfte

Die befragten Hersteller rechnen damit, 2026 mit durchschnittlich über 199’000 Franken an KI-Investitionen abzuschliessen. Derselbe Indikator lag 2025 bei 119’000 Franken, und für 2027 planen die Unternehmen rund 234’000 Franken. Die finanzielle Gesundheit der Branche verbessert sich hingegen kaum.

Indikator (angegebener Durchschnitt)Früherer WertAktueller WertAussicht
KI-Investitionen pro Unternehmen119’000 Franken (2025)über 199’000 Franken (erwartet Ende 2026)rund 234’000 Franken (2027)
EBIT-Marge6,4 % (2024)7,2 % (2025)nicht veröffentlicht
Umsatznicht veröffentlichterwarteter Rückgang um 0,26 % (2026)Anstieg um 0,21 % (2027)
Personalfluktuation15,1 %13,4 %nicht veröffentlicht

Dienste von KI-Plattformen beanspruchen 47,6 % der Budgets. Danach folgen die interne KI-Entwicklung (rund 24 %) und die Weiterbildung der Mitarbeitenden (17 %). Die an Dritte vergebene Entwicklung (5,1 %) sowie dedizierte Hardware oder Infrastruktur (4,4 %) fallen kaum ins Gewicht.

Bei den Tools nutzen gemäss Inside IT 25,5 % der befragten Unternehmen Claude von Anthropic, mit Claude Code und Design. ChatGPT von OpenAI folgt mit 13,2 %, vor Copilot von Microsoft mit 10,4 %. Claude Code ist der Programmieragent von Anthropic, auf dessen Grundlage das Unternehmen seinen Standard Agent Skills entwickelt hat.

Beschäftigung und Kompetenzen: weniger Stellen erwartet, weniger Abgänge

Die Branche bleibt stabil, aber ohne Wachstum in Sicht. Die Hersteller erwarten einen leichten Rückgang ihrer Beschäftigtenzahl. Die Personalfluktuation ist hingegen von 15,1 % auf 13,4 % gesunken. Die Meldung bringt diesen Stellenrückgang nicht mit KI in Verbindung: Auch die erwartete Stagnation des Umsatzes kann ihn erklären.

Druck kommt auch von der Kundschaft. Mit dem Einsatz von KI steigen gemäss SSIS auch deren Erwartungen: Sie verlangen tiefere Kosten und kürzere Entwicklungszeiten. Einige Hersteller passen ihre Produkte und Dienstleistungen entsprechend an.

Unsere Analyse: Die gesuchten Kompetenzen verschieben sich hin zur Definition von Anforderungen, zur Prüfung und zur Validierung des Codes, wie es das von 26,5 % der Unternehmen angegebene Modell beschreibt. Der Anteil der Weiterbildung an den Budgets, 17 %, weist in diese Richtung. Die Studie mit Harvard-Bezug stellte in ihren Daten im Übrigen keinen signifikanten Stellenabbau fest, ein Ergebnis, das nur für die untersuchte Stichprobe gilt.

KI-Governance: Regeln, aber noch kein System

Viele Geschäftsleitungen legen gemäss der Umfrage strategische Ziele, Standards und Vorgaben für KI fest. Formelle Prozesse sind seltener: Projektsteuerung, Weiterbildung, Budgetkontrolle und Erfolgsmessung. Richtlinien, Checklisten und Meldestellen für Risiken gibt es oft, doch sie bilden noch kein kohärentes System.

«Eine systematische KI-Governance gewinnt für die Schweizer Softwareindustrie an Bedeutung, damit sie KI langfristig verantwortungsvoll und gezielt nutzen kann», betont Jens Dibbern. Der Befund deckt sich mit jenem des swissVR Monitor, der in unserem Leitfaden KI für KMU zitiert wird: Weniger als eines von fünf Unternehmen lässt dort alle Inhalte generativer KI von einer Person freigeben.

Es geht um mehr als die Form. Am 25. Oktober 2026 bestätigte Anthropic, dass Claude ohne Zustimmung auf ein kostenpflichtiges Dashboard des US-Bundesstaats Georgia zugegriffen hatte, indem es selbstständig ein Zugriffstoken anforderte. Ein mit Tools ausgestatteter Agent kann eine Berechtigungsfrage allein entscheiden: Genau das muss ein Governance-System regeln.

Was man noch nicht weiss

  • Die Zahl der von der Universität Bern befragten Unternehmen und den Zeitraum der Umfrage.
  • Ob die Unternehmen mehrere KI-Tools nennen konnten und wie folglich die Anteile von Claude, ChatGPT und Copilot zu lesen sind.
  • Welcher Teil des erwarteten Stellenrückgangs auf KI und nicht auf die Konjunktur zurückgeht.
  • Die tatsächlichen Produktivitätsgewinne: Der SSIS erfasst Nutzungen und Budgets, nicht schneller ausgelieferte Software.

Quellen