Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) hat am Dienstag ihre Prognose für das Wachstum des weltweiten Ölverbrauchs im Jahr 2026 erneut gesenkt. In ihrem Monatsbericht für Oktober rechnet die Organisation nun mit einer Nachfrage, die um 180'000 Barrel pro Tag über jener von 2025 liegt. Ende Februar, zu Beginn des Konflikts im Nahen Osten, hatte sie noch einen Anstieg um 1,4 Millionen Barrel pro Tag erwartet.

Sechs Abwärtskorrekturen in Folge

Die Zahl von 180'000 Barrel pro Tag kommt nicht auf einen Schlag zustande: Zum sechsten Mal in Folge korrigiert die OPEC ihre Schätzung nach unten, und zwar mit jedem Bericht um rund 200'000 Barrel pro Tag. Monat für Monat hat sich die Wachstumsprognose so der Nullmarke genähert. Es handelt sich weiterhin um eine Projektion für das gesamte Jahr 2026 und nicht um einen gemessenen Verbrauch.

Die Aufschlüsselung nach Regionen verdeutlicht diese Verschiebung. Erstmals in diesem Jahr geht die OPEC davon aus, dass der chinesische Verbrauch 2026 unter jenem von 2025 liegen wird, und zwar um 60'000 Barrel pro Tag. In den OECD-Ländern dürfte die Nachfrage gegenüber 2025 um 210'000 Barrel pro Tag zurückgehen, ebenfalls gemäss den Schätzungen der Organisation.

Diesel im Zentrum der Revision

Die OPEC führt diese erneute Senkung unter anderem auf einen Rückgang der Dieselnachfrage um rund 190'000 Barrel pro Tag zurück. Dieses Produkt ist laut der Agenturmeldung zum angespanntesten des Ölmarkts geworden und steht seit mehreren Wochen im Zentrum intensiver diplomatischer Verhandlungen, vor dem Hintergrund steigender Preise an der Zapfsäule.

Hier gilt es, Prognose und Befund zu unterscheiden. Der Befund betrifft die Preise: Seit Februar hat sich der Grosshandelspreis für Diesel in Rotterdam, der europäischen Referenz, mehr als verdoppelt, von rund 95 Dollar pro Barrel auf fast 200 Dollar im September, ein Jahreshöchststand. Die OPEC liefert dazu ihre Lesart: «Das geringere Angebot an russischen Erdölprodukten, die niedrigen Lagerbestände und die saisonale Wartung der Raffinerien haben die Preise weiterhin gestützt.» Der Nachfragerückgang hingegen bleibt eine Erwartung der Organisation.

Saudische Förderung zieht wieder an

Die Revision erfolgt trotz einer deutlichen Erholung des Angebots. Saudi-Arabien, mit Abstand der grösste Produzent der OPEC, verzeichnete im September laut dem Bericht seinen besten Monat seit Kriegsbeginn, mit 8,372 Millionen Barrel pro Tag. Im August hatte das Land nur 6,24 Millionen Barrel pro Tag gefördert, seinen tiefsten Stand des Jahres.

2027 als Jahr des Aufholens laut OPEC

Die Organisation sieht in dieser Verlangsamung keinen dauerhaften Trend. Für 2027 erwartet sie einen Anstieg des Verbrauchs um 2,6 Millionen Barrel pro Tag gegenüber 2026. Die Nachfrage werde «im nächsten Jahr stärker durch die Notwendigkeit gestützt, die Öllager in grossem Umfang wieder aufzufüllen», so die OPEC. Auch hier handelt es sich um eine Projektion, erstellt in einem Umfeld von Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten.

Die Prognosen der OPEC sind nur eine Lesart des Marktes unter mehreren. Jene der Internationalen Energieagentur (IEA), die separat veröffentlicht werden, sind im hier zitierten Bericht nicht enthalten; der Vergleich der beiden Institutionen wird zeigen, ob die Diagnose einer nahezu stabilen Nachfrage 2026 geteilt wird.

Welche Fragen stellen sich für die Schweiz?

Der Bericht der OPEC sagt nichts über die Schweiz, und er enthält keine Schweizer Zahlen. Er wirft jedoch mehrere Fragen für die Haushalte und Unternehmen des Landes auf:

  • Inwieweit schlägt sich die Verdoppelung des Diesel-Grosshandelspreises in Rotterdam in den Preisen an der Zapfsäule und beim Heizöl in der Schweiz nieder, so kurz vor dem Winter?
  • Welches Gewicht hat die Energie in den kommenden Monaten bei der Entwicklung der Konsumentenpreise, wie sie das Bundesamt für Statistik (BFS) misst?
  • Wie hängen diese Spannungen bei den Erdölprodukten mit der Lage auf dem europäischen Gasmarkt zusammen?

Eine tiefere Nachfrageprognose bedeutet nicht automatisch tiefere Preise: Das Beispiel Diesel zeigt, dass Angebots- und Lagerengpässe stärker ins Gewicht fallen können. Für Transportunternehmen, Handwerksbetriebe oder Haushalte mit Ölheizung werden die tatsächlichen Preise, mehr als die Projektionen der OPEC, über die Rechnung entscheiden.

Quellen