Ein Quantencomputer besteht nicht nur aus seinen Qubits. Damit eine Berechnung gelingt, müssen Laser, Kameras und Detektoren mit grosser Präzision und in der richtigen Reihenfolge zusammenwirken. Genau dieses oft im Schatten stehende Glied der Kette nimmt Qendra ins Visier. Laut einem Artikel, den ETH News, der Informationsdienst der ETH Zürich, am 20. Oktober 2026 veröffentlicht hat, baut das junge Unternehmen Steuerungssysteme für Maschinen mit gefangenen Ionen und neutralen Atomen – mit einem klaren Ziel: Fehler während der Berechnung zu erkennen und zu korrigieren, und nicht mehr erst im Nachhinein.
Ein Spin-off der ETH Zürich, entstanden aus einer Doktorarbeit
Qendra wurde im Februar 2026 von drei ehemaligen Angehörigen der ETH Zürich gegründet: Martin Stadler, Ferdinand Felder und Chidzahi Mabritto. Martin Stadler, ein Physiker, der für sein Masterstudium aus Graz in Österreich kam, hat seine Doktorarbeit in der Gruppe von Professor Jonathan Home geschrieben, nachdem er die Quantenmechanik in dessen Vorlesung entdeckt hatte. Bis vor Kurzem war er Pioneer Fellow an der ETH Zürich. «Gegen Ende meiner Doktorarbeit wurde klar, dass die Technologie in einem kommerziellen Rahmen weiterverfolgt werden musste, um das Produkt auf den Markt zu bringen», erklärt er.
Das Team zählt heute vier Personen und will bis Ende Jahr auf sieben anwachsen. Qendra sucht zudem Investoren. Martin Stadler, der anfänglich die Funktionen des CEO und des CTO in sich vereinte, widmet sich inzwischen dem kommerziellen Bereich; Chidzahi Mabritto hat die technische Leitung übernommen.
Der «Dirigent» zwischen Algorithmus und Qubits
Ein Quantencomputer rechnet mit Qubits. In Systemen mit gefangenen Ionen ist jedes Qubit ein elektrisch geladenes Atom, das von elektrischen Feldern an seinem Platz gehalten wird. Bei neutralen Atomen werden die Qubits von stark fokussierten Laserstrahlen festgehalten, sogenannten optischen Pinzetten. Diese beiden Plattformen gehören laut ETH News zu den vielversprechendsten im Wettlauf um den ersten praktisch nutzbaren Quantencomputer.
Das Steuerungssystem stellt die Verbindung her zwischen dem Algorithmus und der Software auf der einen Seite und den physikalischen Signalen und den Qubits auf der anderen. Martin Stadler vergleicht es mit einem Dirigenten: «Alle hören auf den Dirigenten, der dafür sorgt, dass das Ergebnis eine Sinfonie ist und nicht bloss Lärm.»
Konkret handelt es sich um ein kompaktes graues Gehäuse mit zahlreichen Ein- und Ausgängen. Es erzeugt Radiofrequenzsignale, die die Qubits auf zwei Wegen erreichen: Entweder steuern sie einen Modulator, der Pulse in einen Laserstrahl schickt, oder sie werden über eine Antenne direkt an die Ionen übertragen. Das Gerät liest ausserdem die Signale von Fotodioden aus und steuert weitere Geräte wie Laser, Signalgeneratoren oder Oszilloskope.
Quantenfehlerkorrektur: von der Nachbearbeitung zur Echtzeit
Das Herzstück des Projekts sind bedingte Operationen, das Gegenstück zu einer «Wenn-dann»-Anweisung in der klassischen Programmierung. Laut ETH News gibt es für Maschinen mit gefangenen Ionen oder neutralen Atomen – anders als für andere Typen von Quantencomputern – noch kein kommerziell nutzbares Steuerungssystem. Insbesondere können die heutigen Systeme einen Fehler nicht während einer Berechnung erkennen und sofort korrigieren.
Die Aufgabe ist heikel: Qubits sind störungsempfindlich, und ihr Zustand lässt sich nicht direkt messen, ohne die Information zu zerstören, die sie tragen. Laut Martin Stadler arbeiten die Entwickler deshalb vor allem mit Nachbearbeitung: Sie sammeln die Messwerte während des Experiments und berechnen anschliessend, wie das Ergebnis mit Korrektur ausgefallen wäre. «Für die Forschung reicht das oft, aber nicht für zuverlässige und praxistaugliche Quantencomputer», sagt er.
Das System von Qendra soll die Messwerte laufend auswerten und je nach Ergebnis das Signal wählen, das den Korrekturpuls auslöst, per Laser oder per Radiofrequenz. Das ist das Versprechen des Unternehmens, wie es die ETH beschreibt. Der Artikel veröffentlicht weder Leistungsmessungen noch einen bezifferten Vergleich mit anderen Systemen.
Was nachgewiesen ist und was noch zu beweisen bleibt
Gesichert ist: Das Gerät läuft bereits im Labor. Zu seinen ersten Nutzern gehören die Gruppe von Jonathan Home und ZuriQ, ein weiteres Spin-off der ETH Zürich, das einen Quantencomputer mit Ionenfallen baut und zusammen mit Infineon gefangene Ionen in zwei Dimensionen industrialisieren will. Qendra führt zudem Gespräche mit Akteuren aus dem Bereich der neutralen Atome, darunter das Start-up QuEra in Boston und die Gruppe von Mikhail Lukin an der Harvard University. Es handelt sich um Gespräche, nicht um angekündigte Verträge.
Noch zu beweisen ist: Das Gehäuse ist erst ein MVP, ein Minimum Viable Product, also die einfachste Version, mit der sich Rückmeldungen von Kunden sammeln lassen. «Unser Steuerungssystem ist bereits recht leistungsfähig, aber noch nicht ganz bereit für einen breiten Einsatz», räumt Martin Stadler ein. Seine Zuverlässigkeit auf Maschinen mit vielen Qubits und im industriellen Einsatz muss sich also erst noch zeigen.
Ein noch kleiner Markt, erklärte Ambitionen
Laut von ETH News zitierten Schätzungen geben Forschungsgruppen und Unternehmen der Branche weltweit rund 50 Millionen Dollar für ihre Steuerungssysteme aus – ein relativ kleiner Markt. Martin Stadler erwartet ein starkes Wachstum: «Wir glauben, dass der Markt in zehn Jahren durchaus 1 Milliarde Dollar übersteigen könnte», denn neutrale Atome gewinnen rasch an Boden und eignen sich gut für Maschinen mit vielen Qubits. Es handelt sich um eine Prognose des Gründers, nicht um eine veröffentlichte Marktstudie.
Dieselbe Vorsicht gilt für das erklärte Ziel: innerhalb von fünf Jahren zur Referenzlösung für die Steuerung von Quantencomputern mit gefangenen Ionen und neutralen Atomen zu werden. Der Name des Unternehmens spiegelt diesen Anspruch wider: Er geht auf den Vornamen Kendra zurück, der im Altenglischen «Herrscherin» und im Sanskrit «Zentrum» bedeutet. Vorerst fügt Qendra dem Zürcher Quanten-Ökosystem rund um den Campus Hönggerberg vor allem ein weiteres Element hinzu.
Quellen
- ETH Zürich News: «Spin-off developing “conductors” for quantum computers»




