Bundespräsident Guy Parmelin und der chinesische Staatspräsident Xi Jinping haben am 30. Oktober 2026 in Peking das modernisierte Freihandelsabkommen Schweiz–China unterzeichnet. Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) soll der Text den Zugang von Schweizer Waren und Investitionen zum chinesischen Markt verbessern. Langfristig können 99,8 % der heutigen Schweizer Exporte nach China von Zöllen befreit werden. Das Parlament muss das Abkommen noch genehmigen.
Zölle: Was das modernisierte Abkommen abschafft
Unter dem 2014 in Kraft getretenen Abkommen blieb ein grosser Teil der Schweizer Lieferungen zollpflichtig. Laut der Meldung der Nachrichtenagentur Keystone-SDA, die Allnews übernommen hat, war rund die Hälfte der Schweizer Exporte nach China weiterhin mit Zöllen belegt. Umgekehrt waren praktisch alle aus China in die Schweiz eingeführten Produkte davon befreit.
Der in Peking unterzeichnete Text soll dieses Ungleichgewicht beheben. Zum Abschluss der Verhandlungen im August hatte die Regierung angekündigt, dass 99,8 % der heutigen Schweizer Exporte künftig zollfrei nach China gelangen könnten. Die erwartete Ersparnis bezifferte sie auf rund 244 Millionen Franken. Das ist eine Schätzung, kein festgestellter Betrag.
Zur Einordnung dieser Zahl erinnert SWI swissinfo.ch an eine 2018 veröffentlichte Bilanz: Das Abkommen von 2014 hatte den Unternehmen damals im Vorjahr 100 Millionen Franken an Zöllen erspart. Die beiden Beträge messen nicht dasselbe. Der erste war realisiert, der zweite bleibt eine Prognose, die vom Inkrafttreten und vom Verhalten der Exporteure abhängt.
Die Befreiungen kommen nicht alle auf einmal. Drei Viertel sollen ab Inkrafttreten des modernisierten Abkommens gelten. Für Käse und Kaffee greifen die erzielten Zugeständnisse laut Keystone-SDA erst innerhalb von 10 Jahren.
Maschinen, Uhren, Pharma: ungleich bediente Branchen
Der Gewinn hängt stark vom exportierten Produkt ab. Die Tabelle fasst zusammen, was die Quellen Branche für Branche sagen.
| Branche | Unter dem Abkommen von 2014 | Mit dem modernisierten Abkommen |
|---|---|---|
| Gesamte Exporte | Rund die Hälfte zollpflichtig | 99,8 % langfristig befreibar |
| Maschinen und Präzisionsprodukte | Von Swissmem als erheblich eingestufte Zollschranken | «Bedeutende Zollschranken» abgebaut, laut Swissmem |
| Uhrenindustrie | Praktisch keine Befreiung | Chinesische Luxussteuer auf 95,5 % des Exportwerts bleibt bestehen |
| Pharma | Nur sehr teilweise Befreiung | Keine Einzelheiten für die Branche veröffentlicht |
| Käse und Kaffee | Benachteiligt | Zugeständnisse greifen innerhalb von 10 Jahren |
Die Maschinenindustrie ist auf dem Papier die klarste Gewinnerin. Swissmem, der Dachverband der Schweizer Maschinenindustrie, begrüsst einen Text, der aus seiner Sicht «bedeutende Zollschranken für die Schweizer Tech-Industrie, insbesondere für Maschinen und Präzisionsprodukte» beseitigt. Zum Gewicht der Branche: Die Schweizer Exporte von Maschinen, Elektronik und Apparaten erreichten im dritten Quartal 2026 über alle Bestimmungsländer hinweg 13,7 Milliarden Franken, wie die Zahlen des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) zeigen, die wir in unserem Artikel zu den Schweizer Exporten im September aufgeschlüsselt haben.
Die Uhrenindustrie gewinnt deutlich weniger, als es scheint. Schweizer Uhren bleiben der chinesischen Steuer auf Luxusgüter unterworfen, die von den Zöllen getrennt ist. Der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH) bestätigte gegenüber Keystone-SDA, dass diese Steuer auf 95,5 % des Werts der Uhrenexporte nach China anfallen wird. Das Umfeld ist bereits schwierig: Laut FH gingen die Uhrenlieferungen nach China im September 2026 um 14,2 % zurück, ein Rückgang, den sie einem ungünstigen Basiseffekt zuschreibt. Jean-Philippe Bertschy, Analyst der Bank Vontobel, sah darin ein vorsichtiges Bild der chinesischen Nachfrage.
Die Pharma bleibt die grosse Unbekannte. Ihre Produkte waren unter dem Abkommen von 2014 nur sehr teilweise befreit, doch die Quellen präzisieren ihre Behandlung im neuen Text nicht. Dabei steht viel auf dem Spiel: Die Chemie-Pharma exportierte im dritten Quartal 2026 laut BAZG Waren im Wert von 39,3 Milliarden Franken, mehr als die Hälfte der Schweizer Exporte.
Für ein exportierendes KMU ändert sich nichts, solange das Abkommen nicht in Kraft ist. Danach hängt die Wirkung von seiner Tarifposition ab: Ein Teil der Senkungen erfolgt sofort, ein anderer zeitlich gestaffelt.
Vom Abschluss im August zur Unterzeichnung in Peking
Die Unterzeichnung vom 30. Oktober 2026 besiegelt einen im August 2026 gefundenen Kompromiss. SWI swissinfo.ch berichtete am 20. August 2026, die Schweiz und China hätten sich darauf geeinigt, die Zölle auf 99,8 % der Schweizer Exporte nach Übergangsfristen abzuschaffen. 2clics hatte damals den Abschluss der Verhandlungen Schweiz–China ausführlich dargestellt.
Laut der Medienmitteilung des SECO wurden in Peking drei Texte unterzeichnet. Der erste ist das optimierte Freihandelsabkommen. Der zweite betrifft die damit verbundene Zusammenarbeit in Arbeits- und Beschäftigungsfragen. Der dritte regelt die Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung: Er soll es Schweizer Forschenden ermöglichen, wissenschaftliche Daten in einem sicheren rechtlichen Rahmen mit ihren chinesischen Partnern auszutauschen.
Der soziale und ökologische Teil wird als Neuerung dargestellt. Die Regeln zum Umweltschutz und zum Arbeitsrecht stehen in einem rechtlich verbindlichen Kapitel über Handel und nachhaltige Entwicklung. Laut dem Bund ist dies eine Premiere in einem von China abgeschlossenen Freihandelsabkommen.
Die Handelsbeziehung hat grosses Gewicht. China ist der drittwichtigste Handelspartner der Schweiz, und die Schweiz war 2014 das erste europäische Land, das mit China ein Freihandelsabkommen abschloss. Die beiden Länder nahmen 1950 diplomatische Beziehungen auf und gingen 2016 eine innovative strategische Partnerschaft ein, wie das SECO in Erinnerung ruft.
Der Besuch ist Teil einer dichten Asienreise des Bundespräsidenten. Guy Parmelin hatte am 15. Oktober in Bangkok den thailändischen Premierminister getroffen, um über das Freihandelsabkommen EFTA–Thailand zu sprechen, und war am 17. Oktober in Hanoi empfangen worden, am Vorabend der geplanten Unterzeichnung mit Vietnam. Noch bis Samstag, 31. Oktober, in China, trifft er zudem Handelsminister Wang Wentao und eröffnet das neunte Chinesisch-Schweizerische Wirtschaftsforum.
Ratifizierung: zuerst das Parlament, ein Referendum ist möglich
Die Unterzeichnung ist kein Inkrafttreten. Das modernisierte Abkommen muss zuerst vor die eidgenössischen Räte. In der Schweiz muss ein Freihandelsabkommen grundsätzlich vom Parlament genehmigt werden und kann dem fakultativen Referendum unterstellt werden. Keine der Quellen nennt einen Zeitplan für die Ratifizierung.
Die Wirtschaft drängt auf Tempo. Swissmem fordert das Parlament auf, «das Abkommen rasch zu ratifizieren». Am anderen Ende hat die Linke Vorbehalte angemeldet, und die Grünen erklärten sich laut Keystone-SDA bereit, das Referendum zu ergreifen. Das ist eine angekündigte Absicht, keine bereits gestartete Unterschriftensammlung.
Unterschiedliche Lesarten zur Tragweite des Abkommens
Die Verpflichtungen zur nachhaltigen Entwicklung stimmen Fachleute skeptisch. Im August meinte Thierry Theurillat, Professor an der HEG-Arc in Neuenburg am Swiss Eurasian Institute of Management (SEIM), es bleibe «vor Ort zu überprüfen», was diese Klauseln verändern. Er fragte, wer angesichts der vor Ort festgestellten Probleme bei Umweltverschmutzung und Arbeitsbedingungen ihre Einhaltung sicherstellen werde.
Die Menschenrechte bleiben der umstrittenste Punkt. Lionel Fatton, Professor für internationale Beziehungen an der Webster University in Genf, prangerte im August «Funkstille» zum Thema an und erwartete «einen Rückschlag aus der Zivilgesellschaft». Das SECO seinerseits gibt an, dass die letzte Runde des bilateralen Menschenrechtsdialogs am 19. und 20. Oktober 2026 in Bern stattfand.
Auch das internationale Umfeld prägt die Lesart des Textes. Die Entspannung mit Peking erfolgt zu einer Zeit, in der die US-Zölle Unsicherheit in den Welthandel bringen. Für Lionel Fatton, zitiert von Keystone-SDA, hat Peking «alles Interesse daran, sich als stabilisierendes Element des internationalen Handels zu präsentieren». Thierry Theurillat ist seinerseits der Ansicht, dass China die Schweiz dazu dränge, strategische Kompetenzen vor Ort zu verlagern, was aus seiner Sicht die Frage des Wettbewerbsvorteils aufwirft.
Was noch nicht bekannt ist
- Das Datum des Inkrafttretens: Weder das SECO noch die Presse nennen einen Zeitplan für das Parlament.
- Die genaue Behandlung der Pharma und der anderen Branchen, über die Gesamtzahl von 99,8 % hinaus.
- Ob die Grünen, die sich erst bereit erklären, tatsächlich das Referendum ergreifen.
- Allfällige Gegenleistungen Berns: Laut Keystone-SDA ist schwer zu sagen, ob die Schweiz Opfer bringen musste.
- Der tatsächliche Gewinn für die Uhrenindustrie, solange die chinesische Luxussteuer bestehen bleibt.
Quellen
- Schweizerische Eidgenossenschaft — SECO: «Switzerland and China strengthen cooperation in trade and science», 30. Oktober 2026
- Allnews (AWP/SDA): «Guy Parmelin signe l'accord de libre-échange avec la Chine à Pékin», 30. Oktober 2026
- SWI swissinfo.ch (Keystone-SDA): «Swiss and Chinese presidents sign free trade agreement», 30. Oktober 2026




